Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 31.05.

Von | 31. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Ostermontag

1. Lesung: Apostelgeschichte 2, 1-11
2. Lesung: 1. Korintherbrief 12, 3b-7.12-13
Evangelium: Johannes 20, 19-23

Der Name Pfingsten kommt von Pentekoste = fünfzig. Es ist der fünfzigste Tag nach Ostern. Pfingsten ist die Voll­endung von Ostern. Beide Feste haben ihren Ursprung in Naturfesten. Ostern ist das Frühlingsfest, Pfingsten ist der Beginn der Weizenernte. Beide Feste wurden von den Juden mit Ereignissen der Heilsgeschichte gedeutet. Ostern ist die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten, Pfingsten die Erinnerung an die Überreichung der Gebo­te auf dem Sinai. Für uns Christen ist Ostern das Fest der Auferstehung Jesu und Pfingsten das Fest der Geist­sendung. Jedes Fest ist immer auch Fest menschlicher Selbstwerdung. An Pfingsten feiern wir die Vollendung der Menschwerdung. Um zu verstehen, was Pfingsten mit dem Prozess unserer Ganzwerdung zu tun hat, ist es gut, die Wurzeln dieses Festes genauer anzuschauen.

Da ist einmal die Zahl fünfzig. Mit Fünfzig steht der Mensch an der Schwelle zum Alter. In Rom war man ab 50 vom Kriegsdienst befreit. Augustinus deutet die Zahl 50 symbolisch: „Dieser fünfzigste Tag hat aber noch eine andere geheimnisvolle Bedeutung. Siebenmal sieben ist neunundvierzig, und wenn man zum Anfänge zurück­kehrt und einen achten Tag, der ja auch der erste ist, hinzuzählt, so wird die Zahl fünfzig voll. Diese fünfzig Tage nach der Auferstehung des Herrn werden nicht mehr als Sinnbild der Mühseligkeit, sondern als Sinnbild der Ruhe und Freude begangen.“ (Betz 152) Fünfzig ist also ein Bild der Ruhe und Freude. Mit 50, so meint Papst Gre­gor der Große, wird der Mensch weise, wird er ein Mensch des Geistes. Er bezieht sich dabei auf die Anweisung des Mose, dass die Leviten ab 25 Jahren dazu verpflichtet sind, am Offenbarungszelt Dienst zu tun. Mit 50 Jahren endet dieser Dienst. Dann sind die Leviten Hüter heiliger Gefä­ße. Für Papst Gregor ist das ein Bild für die Leitungs­aufgabe, zu der Benedikt mit 50 Jahren befähigt war. (Vgl. Lev 8,24ff) Tauler greift diese Deutung Gregors auf. Für ihn gerät der Mensch in der Lebensmitte mit 40 Jahren in eine spirituelle Krise. Bisher war sein Gottesbild zu sehr von Projektionen getrübt. In den Jahren zwischen 40 und 50 verwandelt der Hl. Geist seine Beziehung zu Gott und macht ihn fähig, Gott zu verstehen und zu erfahren. Mit 50 Jahren werden wir schließlich Menschen des Geistes, zu einer Quelle des Segens für andere, fähig, sie einzu­führen in die Weisheit und in die Erfahrung Gottes.

In Israel galt das 50. Jahr als Jubeljahr: „Ihr sollt nicht säen, den Nachwuchs nicht abernten, die unbeschnitte­nen Weinstöcke nicht lesen. Denn es ist ein Jubeljahr, es soll euch als heilig gelten.“ (Lev 25,1 lf) Zugleich sollten alle Schulden erlassen werden und die Sklaven sollten ihre Freiheit wieder erhalten. Das ist ein schönes Bild für die Menschwerdung. Das 50. Jahr soll ein Jahr der Besin­nung sein, ein Sabbatjahr, bei dem der Mensch innehält, um zu überlegen, was in seinem Leben bisher ungerecht war, was nicht dem eigenen Wesen und dem Willen Gottes gemäß gewachsen ist. Er soll alle Schulden erlassen, d. h. er soll die Zwistigkeiten mit ändern bereinigen, seine Be­ziehungen klären, sich aber auch mit sich und seinem Leben aussöhnen. Und er soll die Sklaven in Freiheit ent­lassen. Er soll all das, was er bisher als Sklave gehalten hat, was er bei sich unterdrückt hat, befreien, dass es wirk- lieh leben kann. Er soll selbst nicht mehr als Sklave le­ben, der seinen Wert durch Leistung beweisen muss, son­dern als freier Sohn, als freie Tochter Gottes.

Das Pfingstfest erinnert uns an all diese Inhalte, die unbe­wusst mitschwingen. Wenn der Hl. Geist über uns kommt, dann soll sich auch in uns die 50 vollenden, dann sollen wir zu unserem wahren Wesen gelangen, zur Ruhe und Freude kommen, dann sollen auch wir befähigt werden, Hüter heiliger Gefäße zu werden, d. h. andere zu leiten und zu begleiten. Die 50 Tage von Ostern bis Pfingsten wollen uns einüben in die Menschwerdung. Die Osterevangelien und Ostergeschichten, die Erzählung von Christi Himmel­fahrt und von der Geistsendung an Pfingsten beschreiben den Weg menschlicher Selbstwerdung, den Weg vom Auf­stehen aus dem Grab, von der Auferstehung mitten in unserem Alltag, vom Hinabsteigen in die eigene Mensch­lichkeit, hin zum Himmel, der in uns ist. Es ist der Weg, der uns vom Auferstandenen, der uns begleitet, hinführt zum inneren Meister, der in uns spricht. Unsere Selbst­werdung geht vom Harren auf den Geist hin zur Geist­sendung am Pfingstfest. Wenn der Geist kommt, dann kom­men wir erst ganz zu uns selbst, dann werden unsere Fähig­keiten und Möglichkeiten wachgerüttelt, dann wird alles in uns verwandelt. Die Knospe öffnet sich und die Blüte unseres Lebens geht auf. Pfingsten ist das Fest der Leben­digkeit. Wenn der Geist Gottes, der am Anfang über der Schöpfung schwebte, in uns eindringt, dann werden wir neu erschaffen, dann kommen wir in Berührung mit dem eigenen Ursprung, mit dem Urbild, das Gott sich von uns gemacht hat.

Aber Pfingsten bezieht sich nicht nur auf das Selbstwerden des einzelnen, sondern auch auf das Werden und Wachsen der Kirche. Pfingsten ist die Geburt der Kirche. Wenn der Heilige Geist über die Menschen kommt, dann führt er sie zusammen, dann ermöglicht er eine Gemeinschaft, die of­fen ist für alle Suchenden und Fragenden. Es entsteht eine Gemeinschaft, die aus ihrer Enge ausbricht und zum Sauer­teig wird für die Welt. Der Mensch vollendet seine Selbstwerdung erst dann, wenn er sich auf die Gemeinschaft ein­lässt und miteinander an das Werk geht, das Gott uns allen aufgetragen hat: diese Welt menschlicher zu machen, diese Welt nach Gottes Willen zu formen und zu gestalten und in sie den Geist Gottes einzuprägen. Die Kirche ist die Ge­meinschaft derer, die miteinander Zeugnis ablegen für die Auferstehung Jesu. Sie soll daher überall, wo Menschen ohne Hoffnung sind, wo die Dunkelheit des Todes das Leben zu besiegen scheint, den Sieg des Lebens über den Tod bezeu­gen, den Sieg der Liebe über den Hass, die Möglichkeit der Auferstehung mitten aus dem Tod.