Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 29.05.

By | 29. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Freitag der 7. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  25, 13-21
Evangelium: Johannes 21, 1.15-19

Im 1. Korintherbrief spricht Paulus über die verschiede­nen Gnadengaben, die der eine Geist den Christen ver­leiht. Diese Gaben werden dem einzelnen gegeben, da­mit er ändern damit nützen kann. Paulus spricht von Charismen. Es sind Gaben, Fähigkeiten, Eigenschaften, die Gott dem einzelnen schenkt. Heribert Mühlen nennt das Charisma „eine aus der Gnade (charis) erfließende, vom Hl. Geist jeweils besonders zugeteilte Befähigung zum Leben und Dienen in Kirche und Welt.“ (LexSpir 183) Wir besitzen diese Gaben nicht, sie werden uns vielmehr jeweils im Augenblick, bezogen auf die konkrete Situati­on, gegeben. Für Paulus ist es wichtig, dass alle Gaben aus dem einen Geist Gottes strömen: „Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem ändern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem ändern – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem ändern Wunderkräfte, ei­nem ändern prophetisches Reden, einem ändern die Fä­higkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem än­dern verschiedene Arten von Zungenrede, einem ändern schließlich die Gabe, sie zu deuten. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.“ (1 Kor 12,8-11)

Wir sind heute zu sehr in Gefahr, nur unsere Verletzun­gen und Begrenzungen in den Blick zu nehmen. Wir glau­ben, dass wir erst unsere Kränkungen und Behinderun­gen aufarbeiten müssen, bevor wir richtig leben können. Wir können sicher nicht an unseren Verletzungen Vorbei­gehen. Aber wir dürfen uns auch nicht auf sie fixieren. Da ist der Blick, zu dem Paulus uns einlädt, hilfreich und heilend. Wir sollen auf die Gaben schauen, die der Hl. Geist jedem von uns geschenkt hat.

Jeder Mensch hat eine besondere Gabe. Jeder hat von Gott Fähigkeiten und Möglichkeiten geschenkt bekommen, die ihn allein aus­zeichnen. Jeder kann etwas beitragen zum Leben der Gemeinschaft. Jeder ist in seiner Weise wertvoll. Die Fra­ge ist, wie ich diese Gabe erkenne, die mir geschenkt wurde. Ich erlebe immer wieder Menschen, die sich nichts Zutrauen. Sie finden es ungerecht, dass andere begabter sind. Der eine ist musikalisch. Der andere ist intelligent und macht gute Prüfungen. Ein anderer ist immer gesund und fröhlich, während man selber nur mit seinen Depres­sionen zu kämpfen hat und sich wertlos fühlt, weil ande­re alles besser können. Anstatt sich mit ändern zu ver­gleichen, sollten diese Menschen auf das schauen, was Gott ihnen zugedacht hat. In jedem ist etwas Wertvolles, Einmaliges, Besonderes, eine einzigartige Gabe. Welche Gabe ich habe, das erkenne ich, indem ich meine eigene Lebensgeschichte anschaue. Das, was ich erlebt und er­litten habe, macht meine Gabe aus. Wenn ich sehr ver­letzt worden bin, dann besteht meine Gabe vielleicht darin, andere besser zu verstehen und zu begleiten. Wenn meine menschlichen Bedürfnisse nicht erfüllt worden sind, dann bin ich vielleicht besonders dazu begabt, ei­nen spirituellen Weg zu gehen. Wenn ich meine Grenzen schmerzlich spüre, dann ist meine Gabe vielleicht die Milde und Barmherzigkeit mir selbst und ändern gegen­über.

Bei den Gaben, die Paulus aufzählt, fällt mir auf, dass er die von den Korinthern am höchsten geschätzte Gabe an den Schluss setzt. Die Korinther liebten vor allem das Zungenreden. Sie verstanden sie als Himmelssprache. Aber es ist eine Sprache, die unverständlich bleibt. Pau­lus kritisiert dieses auffallende Phänomen. Für ihn sind die Gaben wichtiger, die Beziehung stiften.
Wer andern eine Einsicht vermittelt, der wirkt im Hl. Geist. Wer Krank­heiten heilt, wer Wunden lindert, der hat eine Gabe des Hl. Geistes. Über all diese Gaben aber stellt Paulus die Gnadengabe der Liebe. Ohne Liebe bleiben die größten Begabungen nutzlos und leer. (1 Kor 13)

Die kirchliche Tradition kennt sieben Gaben des Hl. Gei­stes.
Im Anschluss an Jes 11,1-5 sind dies: der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Wissenschaft und der Frömmigkeit und der Geist der Gottesfurcht. Sieben ist die Zahl der Verwandlung. Diese sieben Gaben des Hl. Geistes sollen den Menschen verwandeln in das Bild, das Gott jedem ein­zelnen zugedacht hat. Die Pfingstsequenz schreibt den sieben Gaben zu, dass sie uns den Lohn der Tugend (virtutis meritum) schenkt, endgültiges Heil (salutis exitum) und ewige Freude (perenne gaudium). Die sieben Gaben des HL Geistes können wir nicht einfach in uns hervorrufen. Sie sind Geschenk. Aber dennoch sollen wir danach stre­ben, so wie auch Paulus vom Geschenk der Gaben spricht, aber uns zugleich auffordert: „Strebt aber nach den hö­heren Gnadengaben!“ (1 Kor 12,31) Wenn wir diese sie­ben Gaben in uns wirken lassen, dann gelingt unser Le­ben, es wird heil und ganz und von einer Freude erfüllt, die auch den Tod überdauert.

Was sind die Gaben, die Gott Dir geschenkt hat? Und wel­che unter den vielen Gaben zeichnet Dich am meisten aus? Jede Gabe ist auch eine Aufgabe. Sie will Dich zum Leben führen. Aber sie befähigt Dich auch, andere zu er­bauen, ändern zu nützen, wie Paulus sagt. Wenn Du Dei­ne Gabe herausgefunden hast, dann lebe sie auch, setze sie ein für Dich und für die Menschen! Bringe in der Gabe Deine persönliche Eigenart zur Entfaltung und diene da­mit den Menschen! Sei sensibel, wo Menschen heute ge­rade Dich und Deine Gaben brauchen! Und traue dem Hl. Geist zu, dass Er Dir gerade in dem Augenblick, auf den es ankommt, die Gabe schenkt, die Menschen aufbaut, aufrichtet und mit neuem Leben erfüllt!