Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 27.05.

Von | 27. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Mittwoch der 7. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte 20, 28-38
Evangelium: Johannes 17, 6a.11b-19

Das dritte Bild, das Lukas für die Wirkung des Heiligen Geistes gebraucht, ist das Bild der Sprache: „Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“ (Apg 2,4) Es ist ein Bild, das auf die Verwirrung der Sprache zurückgreift, wie sie uns das Buch Genesis erzählt.

Zu Beginn sprachen alle Menschen „die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte“. (Gen 11,1) Das gab ih­nen eine große Macht. Aber sie wurden stolz in ihrem Machtgefühl und wollten einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht. Deshalb fasste Gott den Entschluss: „Auf, steigen wir hinab, und verwirren wir dort ihre Sprache, so daß keiner mehr die Sprache des anderen versteht.“ (Gen 11,7) Wenn einer nicht mehr versteht, was der an­dere meint, dann ist auch kein gemeinsames Werk mehr möglich. Umgekehrt aber gilt: Wenn Menschen die glei­che Sprache sprechen, dann können sie Großes mitein­ander vollbringen. Diese Erfahrung können wir heute in vielen Gruppierungen machen, in kirchlichen Gemein­schaften, in Firmen, in Parteien. Wenn die gemeinsame Sprache verlorengeht, dann fallen die Gemeinschaften auseinander, dann wirken einzelne vielleicht noch etwas Großes, aber es geht nichts mehr zusammen.

Pfingsten ist eine Antwort Gottes auf die babylonische Sprachverwirrung.

Gott möchte, dass die Menschen wie­der die gleiche Sprache sprechen und dadurch fähig wer­den, etwas Neues und Beständiges zu schaffen. Gott schenkt den Menschen durch den Heiligen Geist eine ge­meinsame Sprache, damit sie miteinander seine Schöp­fung verantwortlich gestalten, damit die vielen Völker und Kulturen zu einer großen Völkerfamilie zusammen­wachsen.

Lukas verwendet in seinem Pfingstbericht zwei Worte für „reden“. Einmal ist es das „lalein“, das eigentlich „plap­pern, plaudern, im familiären Ton miteinander reden,“ heißt. Die Jünger reden ganz natürlich in fremden Spra­chen, gleichsam im familiären Ton. Und jeder kann sie verstehen. Das wundert die Menschen aus den verschie­denen Nationen und sie fragen sich: „Sind das nicht alles Galiläer, die hier reden? Wieso kann sie jeder von uns in seiner Muttersprache hören?“ (Apg 27f) Das andere Wort ist „apophtheggesthai“. Es bedeutet: „begeistert sprechen, ekstatisch reden“. Die Jünger reden nicht irgendetwas, sondern sie verkünden „Gottes große Taten.“ (Apg 2,11) Die Menschen lassen sich von der Begeisterung der Jün­ger anstecken: „Alle gerieten außer sich und waren rat­los.“ (Apg 2,12)

Der Hl. Geist befähigt zu einer neuen Sprache, zu einer Sprache, die alle verstehen, und zu einem begeisterten Reden, das andere ansteckt und entzündet. Wir leiden heute in der Kirche an unserer Sprachlosigkeit. Einmal können wir kaum miteinander sprechen. Wir sprechen aneinander vorbei, ähnlich wie die Menschen in Babylon. Die Vertreter der verschiedenen Richtungen können sich nicht mehr miteinander verständigen.

Zum andern ist unsere Sprache leer geworden. Wir erreichen die Men­schen nicht mehr. Sie haben den Eindruck, dass die kirch­liche Sprache zu einer „Insider-Sprache“ geworden ist, die niemanden mehr begeistert und mitreißt. Ein Journalist drückte die Belanglosigkeit kirchlicher Sprache so aus: „Gott ist nicht tot. Er ist nur beim ,Wort zum Sonntag“ eingeschlafen.“ Wir können offensichtlich nicht so von Gott sprechen, wie es den Jüngern an Pfingsten gelungen ist.

Unsere Sprache berührt das menschliche Herz nicht. Bei mancher Predigt hat man den Eindruck, dass da zwar Richtiges gesagt wird, aber es geht an den Menschen vor­bei. Es bewegt nichts in ihren Herzen.

Zwei Voraussetzungen sind nach Lukas für eine Sprache nötig, die wieder verbindet und die die Menschen in ih­rem Herzen berührt. Wir müssen den Mut haben, „familiär“ zu reden, wie im vertrauten Kreis das zu sagen, was un­ser Herz bewegt. Manche verstecken sich hinter ihrer Sprache. Aber ihr eigenes Herz kommt darin nicht vor. Man spürt nicht, was sie eigentlich sagen wollen. Sie spre­chen über etwas, aber nicht von sich und nicht aus sich heraus. Andere werden unsere Sprache nur verstehen, wenn sie aus dem Herzen kommt, wenn wir sagen, was wir erfahren haben, was wir erleben, spüren, ahnen. Viel­leicht ist das, was wir sagen, noch unklar (wie ein „Lallen = lalein“). Aber indem wir den Mut haben, auszusprechen, was in uns ist, formt sich das Ungeformte. Andere haben dann das Gefühl: „Du hast genau zum Ausdruck gebracht, was ich längst erahnt habe, wofür ich aber keine Worte hatte.“ Wenn unsere Worte eine solche Reaktion auslösen, dann hat sie uns der Hl. Geist eingegeben. Die zwei­te Bedingung ist, dass wir „begeistert“ reden, dass wir uns vom Geist herausreißen lassen aus der reinen Objektivi­tät, dass wir unser Herz berühren lassen vom Sturm des Geistes. In unser Reden muss etwas von dieser Kraft des Geistes hineinfließen, damit es auch andere begeistern kann. Das heißt nicht, dass wir andere manipulieren. Es gibt ja auch die Demagogen, die ihre Sprache missbrau­chen. Sie sprechen die unbewussten Bedürfnisse der Men­schen an und bekommen mit ihrer Sprache Macht über sie. Die Sprache, die der Hl. Geist uns eingibt, hat eine heilende und befreiende Wirkung auf die Menschen. Sie bringt den Menschen mit seiner tiefen Sehnsucht in Be­rührung und öffnet sein Herz, damit Gottes Liebe darin einströmen kann. Lukas beschreibt zwei Wirkungen der neuen Sprache. Die Menschen treten aus sich heraus, sie geraten aus der Fassung, sie verändern, verwandeln sich. Die Sprache bewirkt etwas Neues in ihnen. Sie geraten in eine andere Verfassung. Und sie werden ratlos und verle­gen. Sie werden verunsichert. Die Worte der Apostel brin­gen sie zum Nachdenken und zum Fragen. Sie sagen zu­einander: „Was hat das zu bedeuten?“ (Apg 2,12)

Wie steht es mit Deinem Sprechen? Sagst Du das, was in Deinem Herzen ist? Oder versteckst Du Dich hinter nichts­sagenden Worten? Kannst Du andere mitreißen, wenn Du sprichst? Oder redest Du an ihnen vorbei?

Versuche, Dich in die Sprache der Bibel hinein zu medi­tieren! Gerade die ungewohnte Sprache will in dir etwas in Bewegung bringen. Lass Dich von den Worten der HL Schrift aus der Fassung bringen! Verlass Deinen alten Zu­stand, Deine sichere Position! Was möchten die Worte der Bibel in Dir hervorlocken? Wohin möchten sie Dich trei­ben? Laß die Worte in Dein Herz fallen, damit Du in Be­wegung bleibst und weitergehst auf dem Weg Deiner Menschwerdung, auf dem Weg zu Gott!