Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 24.05.

Von | 24. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

7. Sonntag der Osterzeit

1. Lesung: Apostelgeschichte 1, 12-14
2. Lesung: 1. Petrusbrief 4, 13-16
Evangelium: Johannes 17, 1-11a

Von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten hält die Kirche eine Novene zum Heiligen Geist. Sie ahmt darin die Apostel nach, die nach der Himmelfahrt Jesu nach Jerusalem zu­rückgekehrt sind und dort im Obergemach gemeinsam im Gebet verharrten, „zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“ (Apg 1,14) Sie warteten betend auf die Erfüllung der Verhei­ßung, die ihnen Jesus vor seiner Aufnahme in den Him­mel zugesprochen hatte: „Ihr werdet die Kraft des Heili­gen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird.“ (Apg 1,8)

In der Pfingstnovene warten wir sehnsüchtig darauf, dass der Heilige Geist auch auf uns herabkommen wird, auf die Kirche, die ohne den Hl. Geist keine Da­seinsberechtigung hat, und auf jeden persönlich, damit das Vertrocknete und Verdorrte in uns wieder lebendig werde.

Schon bei den Römern gab es ein neuntägiges Gebet. Und seit dem 12. Jahrhundert wurden die Novenen in der christlichen Frömmigkeit beliebt. Die Zahl neun weist in vielen Sprachen eine Ähnlichkeit zum Wort „neu“ auf (novem – novis). Die Neun hat den Charakter einer Wandlung. Sie bereitet die neue Gestalt vor, so wie das Kind neun Monate im Mutterleib braucht, um geboren zu werden. Das Urbild jeder christlichen Novene ist die Pfingstnovene der Apostel zusammen mit Maria und den Frauen, die Jesus begleitet haben. In der Pfingstnovene beten wir um die Erneuerung der Kirche und um unser persönliches Neuwerden.

In der abendlichen Vesper wird während der Pfingstnovene der Hymnus „Veni creator spiritus“ gesungen, den der Benediktinermönch Hrabanus Maurus um 809 gedich­tet hat. Was Hrabanus Maurus vor fast 1200 Jahren in Worte gefasst hat, entspricht auch heute unserer Sehn­sucht:

„Komm, Heil’ger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft!
Dein Schöpferwort rief uns zum Sein: nun hauch uns Gottes Odem ein.“

Er möge das Leben, das in der Mühe des Alltags an Kraft verloren hat, in uns neu hervorlocken. Viele sehnen sich heute nach Lebendigkeit und wirklichem Leben.
Sie ha­ben den Eindruck, dass das, was sie leben, dem Anspruch wahren Lebens nicht entspricht. Gott hat durch den Geist die Welt erschaffen. Er möge uns neu erschaffen. Im Atem, den wir jeden Augenblick in uns einziehen, könnten wir erahnen, dass Gott uns ständig erneuert durch den Hauch seines Geistes.                                                             

„Komm, Tröster, der die Herzen lenkt, du Beistand, den der Vater schenkt: aus dir strömt Leben, Licht und Glut, du gibst uns Schwachen Kraft und Mut.“

Der Hl. Geist ist unser Beistand und Tröster, er ist Geschenk des Vaters. Und er ist für uns lebendiger Quell, Feuer, Licht, Liebe und Salbung (fons vivus, ignis, caritas er spiritalis unctio). Der Hl. Geist ist Quelle des Lebens. Aus dieser Quelle können wir schöpfen, ohne sie je zu erschöpfen, weil sie göttlich ist. Viele fühlen sich heute vertrocknet, verausgabt, ausgebrannt, weil sie ständig geben müssen. In der Pfingstnovene flehen wir, dass die Quelle des HL Geistes wieder in uns sprudelt und uns erfrischt und stärkt. Der Hl. Geist ist aber auch Feuer und Licht, das uns wärmt und erhellt. Und er ist Salbung, die unsere Wunden heilt und uns zu der Aufgabe beruft, die jedem von uns zu­kommt.

Ich möchte nicht alle Strophen dieses denkwürdigen Hymnus auslegen. Doch an der vierten Strophe kann ich nicht vorübergehen. Da heißt es:

„Entflamme Sinne und Gemüt, dass Liebe unser Herz durchglüht und unser schwaches Fleisch und Blut in deiner Kraft das Gute tut.“

Der Hl. Geist möge ein Licht für unsere Sinne anzünden, heißt es wörtlich im Lateinischen (Accende lumen sensibus). Es geht beim HL Geist nicht um etwas rein Geistiges. Er will vielmehr unsere Sinne entflammen, sie erhellen, dass wir mit allen Sinnen Gott in dieser Welt wahrnehmen. Wenn wir wach in unseren Sinnen sind, wird unser Leben erst das, was es von Gott her ist. Dann sind wir erst ganz präsent in dieser Welt. Unsere Sinne bringen uns in Bezie­hung zur Wirklichkeit. Wenn wir diese Bitte singen, mer­ken wir, wie stumpf unsere Sinne häufig sind, wie wir vie­les gar nicht spüren, was um uns herum ist, weil wir ir­gendwo mit unseren Gedanken sind, aber nicht in unse­ren Sinnen. Wenn die Sinne durch den Hl. Geist wachgerüttelt und erleuchtet werden, werden sie zum eigentli­chen Organ unserer Gotteserfahrung. Wir erleben Gott nicht mit unserem Verstand, sondern mit unseren Sinnen, in­dem wir in den vielen Stimmen Gottes Stimme hören und im Sichtbaren das Unsichtbare schauen.

Der Hl. Geist ist zugleich Liebe, die in unseren Herzen ausgegossen wird. Jeder von uns sehnt sich letztlich nach Liebe und Geliebtwerden. Der HL Geist befähigt uns zur Liebe, aber er ist auch die Liebe des Vaters, die in unsere Herzen einströmt. Im HL Geist können wir uns ganz und gar von Gott geliebt fühlen. Im Hl. Geist fließt die göttli­che Liebe durch unser Herz und unsern Leib. Die letzte Bitte dieser Strophe geht um unsern Leib und seine Schwä­chen. Der Geist möge gerade unsern Leib mit neuer Kraft durchdringen. Der Hl. Geist will sich immer inkarnieren, er will sich in unserem Fleisch festsetzen und es mit gött­licher Kraft erfüllen.

Reihe Dich in den Tagen der Pfingstnovene in die Männer und Frauen ein, die im Obergemach gemeinsam auf das Kommen des Hl. Geistes warten. In dieser Keimzelle der betenden Jünger und Jüngerinnen Jesu bereitet sich das Neue vor, das die ganze Welt in kurzer Zeit erobert. Das Obergemach ist gleichsam der Mutterschoß, aus dem die Kirche geboren wird. Und es ist der Mutterschoß, aus dem Du als neuer Mensch hervortreten kannst. Meditiere den Hymnus, den Hrabanus Maurus vor 1200 Jahren gedich­tet hat, und lasse die Bilder tief in Dich eindringen! Viel­leicht spürst Du dann, wie die Quelle des Hl. Geistes in Dir wieder zu sprudeln beginnt und wie die Glut Seiner Liebe in Dir wieder neu entflammt wird.