Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 23.05.

By | 23. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Samstag der 6. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte 18, 23-28
Evangelium: Johannes 16, 23b-28

Wenn wir in der Apostelgeschichte nach einer Erzählung suchen, die das Geheimnis von Christi Himmelfahrt am treffendsten beschreibt, so fällt mir die Predigt ein, die Paulus auf dem Areopag in Athen hielt. Es ist wohl die am meisten erörterte Rede der Weltliteratur. Auf dem Areopag diskutierten die Athener gerne über die vielen philosophischen Richtungen, die es damals gab. Paulus beginnt seine Predigt damit, dass er die Athener als be­sonders gottesfürchtig bezeichnet. Er habe in ihren Hei­ligtümern einen Altar gefunden mit der Aufschrift: „Ei­nem unbekannten Gott“. (Apg 17,23) Dann predigt er von diesem unbekannten Gott, der Himmel und Erde geschaf­fen und den Menschen geboten hat, ihn zu suchen, „ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern. Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir, wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seiner Art.“ (Apg 17,27f)

Durch seine Himmelfahrt hat Christus uns in Gott hin­eingehoben. Nun können wir von uns wirklich sagen, dass wir uns in Gott bewegen und dass wir in Gott leben und in ihm sind. Paulus übernimmt hier die Lehren der Stoiker und Epikuräer, die damals in Athen ihre Philosophie vor­trugen. Aber er versteht diese Aussage nicht panthei- stisch, sondern von seiner Botschaft der Auferstehung Jesu her. Weil Gott Jesus von den Toten auferweckt und in den Himmel emporgehoben hat, deshalb leben wir hier auf Erden schon im Himmel, daher sind wir jetzt schon in Gott. Und Paulus zitiert den Dichter Arat, der aus sei­ner zilizischen Heimat stammte. Das Zitat stammt aus dem Lehrgedicht „Phainomena“, das Arat um 270 v. Chr. verfasst hat. „Wir sind von Gottes Art.“ ln diesen Worten ist die Würde des Menschen, wie sie in der Himmelfahrt Christi offenbar wurde, schon 300 Jahre vor Jesu Wirken ausgedrückt worden. Paulus knüpft hier an die Weisheit der Griechen an, um ihnen eine Botschaft zu verkünden, die die Sehnsucht ihrer Philosophen erfüllt. Die Ausleger streiten darüber, ob wir von Natur aus von Gottes Art sind oder ob wir erst durch Christus so geworden sind. Lukas lässt die Frage offen. Für ihn ist es entscheidend, dass die Ahnung der Griechen in Jesus Christus erfüllt worden ist. Als Christen können wir im Blick auf die Him­melfahrt Jesu wahrhaft sagen: „Wir sind von Gottes Art.“ Wir sind überall, wo wir uns bewegen, eingetaucht in Gott, eingehüllt in seine heilende und liebende Gegenwart. Wir atmen in Gott, wir weinen in Gott, wir freuen uns in Gott, wir sind traurig in Gott. Wir leben erst wahrhaft, wenn wir in Gott sind. Lukas verwendet hier das Wort für das eigentliche und wahre Leben: „zomen“.

Wirkliches Leben ist nur das Leben in Gott. Gott ist das wahre Sein, so ha­ben es die griechischen Philosophen gelehrt. Unser Sein ist immer schon Sein, das teilhat am ewigen Sein Gottes. Ohne Gott fallen wir ins Nichts. Lukas hat in der Areopagrede des Paulus gezeigt, wie der Blick auf Jesu Aufer­weckung und Himmelfahrt unser Gottesbild und unser Menschenbild prägt. Gott und Mensch werden in eins gesehen, Gott nicht ohne den Menschen, und der Mensch nicht ohne Gott. Es ist wohl die schönste Aussage, die je ein Mensch über die Beziehung zwischen Gott und Mensch gemacht hat. Wir sind nicht nur bezogen auf Gott, wir leben, bewegen uns und sind in Gott, weil wir von Gottes Art sind, weil wir in unserem Herzen einen göttlichen Kern haben, weil wir innerlich verwandt sind mit Gott, nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen.

Wenn Du mit diesem Wort durch den Tag gehst, wirst Du erst erkennen, wer Du in Wahrheit bist. Da bekommt Dein Leben einen neuen Geschmack. Du wirst Dich selbst an­ders erleben. Stelle Dir vor, dass Du in jedem Augenblick in Gott bist und Dich in Gott bewegst. Wenn Du wanderst, gehst Du in Gott. Wenn Du atmest, atmest Du in Gott. Wenn Du eine Gebärde machst, machst Du sie nicht nur vor Gott, sondern in Gott. Der Glaube daran, dass diese Vorstellung nicht nur Einbildung, sondern Wirklichkeit ist, führt Dich ein in das Geheimnis Deines Lebens und zeigt Dir Deine wahre Würde.