Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 22.05.

Von | 22. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Freitag der 6. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  18, 9-18
Evangelium: Johannes 16, 20-23a

„Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zu­rück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott.“ (Lk 24,52f) Mit diesen Worten schließt das Lukas­evangelium. Die Jünger bleiben nicht fasziniert an dem Ort hängen, an dem Jesus sich von ihnen verabschiedet hat. Sie gehen nach Hause, aber in einer anderen Verfas­sung: mit großer Freude. In dieser Freude können sie nun anders leben und wirken. Die Erfahrung der Himmelfahrt schickt uns in den Alltag, wo wir wohnen und arbeiten. Wir müssen den Himmel dorthin bringen, wo Alltag ist, wo Hölle ist, wo Leere und Sinnlosigkeit herrschen. Die Freude weitet das Herz und öffnet uns für die Begegnung mit den Menschen. Und sie beschwingt uns, damit wir mit Lust und Phantasie an die Arbeit gehen. Wo Menschen mit dieser Freude ihren Alltag leben, da öffnen sie den Himmel über allen, denen sie begegnen.

Von den Jüngern heißt es, dass sie immer im Tempel wa­ren und Gott lobten. Im Gottesdienst, im gemeinsamen Lobpreis Gottes, da erfuhren die Jünger den Himmel, in den Jesus aufgenommen wurde. Da tat sich für sie ein Fenster zum Himmel auf. Die Erfahrung der Himmelfahrt führte sie immer wieder in den Tempel.

Auch für uns könnte der Gottesdienst der Ort sein, an dem wir den Himmel offen sehen. Natürlich gibt es Gottesdienste, die sich nur müde und langweilig dahinschleppen. Aber ab und zu geschieht es doch, dass wir auf einmal beim Sin­gen, beim Hören, beim gemeinsamen Mahl erleben, dass eine ganz dichte Atmosphäre entsteht, dass sich der Him­mel auftut.

Im Gottesdienst, so sagt uns die Kirche, neh­men wir teil an der himmlischen Liturgie, die die Engel und Heiligen vor Gottes Antlitz feiern. Wenn mir bei un­serem Chorgebet bewusst wird, dass wir „im Angesicht der Engel Gott preisen“ (Ps 138,1; RB 19,5), relativiert sich für mich alles andere. Ich fliehe nicht vor den Problemen meines Alltags. Aber ich spüre, dass sie an Wucht verlie­ren. Sie beschweren mich nicht mehr. Sie sind da, aber sie bestimmen mich nicht. Ich fühle mich frei. Dann ist wirklich der Himmel offen. Und der offene Himmel öff­net auch mein Herz und weitet es. Es wird fähig zur Freu­de. Ein enges Herz kann keine Freude erfahren. Freude entsteht nur dort, wo sich das Herz weitet.

Du kannst Dich nicht zur Freude zwingen. Und wenn ich Dich zur Freude aufrufe, wird Dich das wohl kaum freu­dig stimmen. Aber wenn Du Dir die Bilder von Ostern und Himmelfahrt vor Augen hältst und Dich in sie hin­einmeditierst, dann kann sich Dein Herz weiten und von der Freude erfüllt werden. Die Freude ist schon in Dir.    Du musst sie nicht künstlich schaffen. Du bist nur oft genug von ihr abgeschnitten, weil Du Dich allzu sehr um das bekümmerst, was in Dir und um Dich herum nicht gut ist. Lass Dich von Ostern und Himmelfahrt wieder mit Deiner Freude in Berührung bringen! Und versuche unter dem weiten Horizont des Himmels mit einem weiten Herz auf Dein Leben zu schauen! Dann wirst Du die Freude entdecken, die auf dem Grund Deines Herzens bereitliegt. Die Osterfreude wird Deinen Alltag verwandeln. Es wird Dir leichter fallen, Deine Aufgaben zu erfüllen.