Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 21.05.

Von | 21. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Ostermontag

1. Lesung: Apostelgeschichte 1, 1-11
2. Lesung: Epheserbrief 1, 17-23
Evangelium: Matthäus 28, 16-20

Als Jesus in den Himmel emporgehoben wurde, hat er seine menschliche Natur mit zum Vater genommen. Aber in seiner Menschheit hat er zugleich uns mit in den Him­mel genommen, unsere Vitalität und Sexualität, unsere Ängste, unsere Sehnsüchte, unsere Bedürfnisse und Lei­denschaften, unsere Kraft und unsere Schwäche. Die Li­turgie drückt dieses Geheimnis in dem eigenartigen Psalmvers aus, den sie am heutigen Fest zum Alleluja singt: „Der Herr auf Sinai, im Heiligtum, er steigt empor und führt als Beute die Gefangenen mit.“ (ascendens captivam duxit captivitatem Ps 68,19) Der Psalmvers ist schwierig zu übersetzen. Hieronymus hat ihn so gedeu­tet, daß Christus in seinem Aufstieg in den Himmel die Gefangenen gefangen mit sich führte. Oder sind die Wor­te des Hieronymus so zu übersetzen, dass Christus die Gefangenschaft gefangen nahm, daß er also letztlich un­sere Gefangenschaft aufgehoben hat? Die Liturgie hat jedenfalls diese rätselhaften Worte als Beschreibung der Himmelfahrt Jesu verstanden.

Die Liturgie versteht Christi Himmelfahrt offensichtlich so, dass Christus uns Menschen, die in sich selbst gefan­gen oder die vom Satan gefesselt sind, in den Himmel mit hinaufführt. Wir erleben uns hier auf Erden oft im Gefängnis, im Gefängnis unserer Angst und unserer Trau­rigkeit. Wir sind an uns selbst gebunden, verstrickt in ein Hin und Her unserer Emotionen, Bedürfnisse und Lei­denschaften, in unsere Schuld und Schuldgefühle. Wir sind hineinverwickelt in unklare Beziehungen, in Intri­gen und Rollenspiele. Wir hängen fest in uns selbst, in unserem Stolz, der uns verbietet, die eigene Wahrheit zu­zugeben. Wir sind gefesselt an unseren Leib, der uns oft genug fest umklammert hält. Jesus hat in seiner Him­melfahrt seine Hand auf uns gelegt, er hat uns gefangen mit seiner Liebe. Und so hat er unser Gefängnis verwan­delt. Er hat uns in seiner Liebe mit in den Himmel ge­nommen. Karl Rahner drückt das so aus: „Er hat mitge­nommen, was er angenommen hatte. Das hinfällige Fleisch, den menschlichen Geist, der im Todesleiden ver­dunkelte und keine Antworten mehr wusste, das zittern­de Herz. Das, was ich bin: dieses enge Loch, voll Finster­nis, in dem die Fragen und Unbegreiflichkeiten wie pfei­fende Ratten herumschleichen und keinen Ausgang fin­den.“ (Kirchenjahr 95) Unser Gefängnis, unsere Dunkel­heit, unsere Kälte, unsere Einsamkeit, unsere Entfrem­dung, hat Christus in seiner Himmelfahrt hineingeführt in den Bereich Gottes, in den Himmel, in den Raum der göttlichen Liebe. Dort sind wir aufgehoben, über uns hin­ausgehoben, dort sind wir jetzt schon daheim.

Es ist ein neues Menschenbild, das uns das Fest Christi Himmelfahrt vor Augen führt. Indem Christus unsere menschliche Natur hinaufgehoben hat in den Himmel, hat er uns eine göttliche Würde geschenkt. Und er zeigt uns darin, dass wir nur dann wahrhaft Mensch werden, wenn unsere Natur den Schritt über sich hinaus wagt, hinein in den Himmel, in den Jesus mit Leib und Seele aufgefahren ist. Unser Menschsein ist nicht in sich abge­schlossen. Wenn wir nur auf unsere Menschlichkeit fi­xiert sind, bereiten wir uns hier schon die Hölle. Wir kön­nen erst wahrhaft menschlich leben, wenn wir uns über uns hinausheben lassen, hinein in den göttlichen Bereich.

Erst in Gott kommt auch unser Menschsein zur Vollen­dung.

Für mich gehört es zum Fest Christi Himmelfahrt, mit dem Allelujavers (captivam duxit captivitatem – gefan­gen nahm er das Gefängnis) durch unsere Bachallee zu gehen. Ich stelle mir vor, dass ich so, wie ich bin, mit meinen Abhängigkeiten, in meinem Gefangensein, Gebundensein, in meiner Unfreiheit, hier über den Weg gehe, dass ich zugleich aber in Christus über mich hin­ausgehoben bin, mitgenommen in den Himmel. Vielleicht kannst Du den Allelujavers heute auch auf Deinen Wegen meditieren. Er könnte Dir das Geheimnis Deines Mensch­seins erschließen, dass Deine Gefangenschaft aufgehoben ist, dssß Du trotz aller Erdenschwere in den Himmel auf­genommen bist.

Ein anderes Ritual besteht für mich am Fest Christi Him­melfahrt darin, mit dem Wort des hl. Paulus zu gehen: „Unsere Heimat ist im Himmel.“ (Phil 3,20) Oder mit der Frage des Novalis: „Wohin denn gehen wir? – Immer nach Hause.“ Dann wächst in mir die Ahnung, dass ich immer auf dem Weg bin zu einer letzten Heimat, zum Himmel. Dort erst bin ich am Ziel meiner Wanderschaft.