Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 20.05.

Von | 20. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Mittwoch der 5. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  17, 15.22-18,1
Evangelium: Johannes 16, 12-15

Jesus nimmt Abschied von den Jüngern und verlässt sie. Sie können ihm nun nicht mehr äußerlich nachfolgen. Jesus ist nicht ein Guru, dem man nachfolgt. Er ist in den Himmel gegangen, um uns auf neue Weise nahe zu sein. Er ist für uns zum inneren Meister geworden. Die Frage ist, wann uns ein Mensch wirklich nahe kommt.

Er ist uns nahe, wenn wir ihn berühren, mit ihm sprechen, ihn küssen. Aber in dieser Nähe ist immer auch Ferne. Manch­mal spüren wir den ändern gar nicht. Auch in der Berüh­rung bleiben wir oft an der Oberfläche und erreichen nicht das Herz des andern. Jesus ist nun nicht mehr bei uns, dass wir ihn berühren und betasten oder festhalten könn­ten. Wir müssen ihn loslassen, damit er zum Himmel auffahren kann.

Wir müssen uns verabschieden von den Illusionen, die wir uns über unser Leben gemacht haben. Es gilt, Abschied zu nehmen von allen Abhängigkeiten und Anhänglichkeiten, aber auch von der Last der Ver­gangenheit, von den Verletzungen und Wunden unserer Lebensgeschichte. Wir können sie nicht immer mit uns herumschleppen. Sonst sind wir zu erdenschwer. Sonst können wir nicht mit Jesus emporgehoben werden in den Himmel.

Es ist heute oft eine Sucht, einem Guru nachzulaufen. Manche machen sich selbst zum Guru, andere werden von ihren Anhängern dazu gemacht. Jesus ist kein Guru. Er ist in den Himmel aufgefahren, damit wir ihn nicht äußerlich nachahmen, sondern ihm innerlich ähnlich werden. Paulus spricht davon, dass wir Christus wie ein Gewand anziehen. Wir können eins werden nicht nur mit seiner Gesinnung, sondern mit seinem innersten Wesen, mit seinem Geist, mit allem, was ihn ausmacht. Jesus nachzufolgen heißt nicht, dass wir unser eigenes Denken und Fühlen verleugnen.

Wir folgen Jesus nach, wenn wir mit unserem inneren Selbst in Einklang kommen, wenn wir dem inneren Meister in uns folgen. Der innere Mei­ster spricht durch unsere Gedanken und Gefühle, durch unsere Träume, durch unseren Leib, durch die vielen Impulse, die er täglich gibt, wenn wir nur achtsam genug darauf hören.

Jesus als der innere Meister bedeutet nicht, dass er unser Über-Ich geworden ist, dass wir seine Grundsätze so ver­innerlicht haben wie die Botschaften unserer Eltern. Der innere Meister verlangt ständige Auseinandersetzung. Wir sollen alles, was in uns auftaucht, mit Jesus konfrontie­ren und von ihm her in Frage stellen lassen. Manche sa­gen, ich solle bei allem, was ich tue, fragen: Was würde Jesus dazu sagen. Das kann oft hilfreich sein. Aber wir müssen uns davor hüten, dass wir dann in Jesus doch die Stimme des eigenen Über-lchs hineinlegen. Um zu erken­nen, was Jesus dazu sagen würde, müssen wir in uns selbst hineinhören und auf unsere innerste Stimme hor­chen. Aber dann besteht wieder die Gefahr, dass wir un­sere eigenen Vorstellungen mit Jesus verwechseln. Es braucht immer wieder auch die Konfrontation unserer eigenen Gedanken und Gefühle mit den Worten, die uns Jesus gesagt hat. Dabei dürfen wir die Worte Jesu nicht dem Buchstaben nach sehen, sondern wir müssen uns in sie hineinmeditieren, um Jesu Geist darin zu entdecken: „Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2 Kor 3,17)

Kennst Du den inneren Meister in Dir? Oder folgst Du lieber äußeren Meistern nach und richtest Dich nach ih­nen, weil der Weg so sicherer erscheint? Vertraue darauf, daß Christus als der innere Meister Dir vom Grund Dei­nes Herzens aus den Weg zeigt, den Du gehen sollst! In Deinem Herzen ist alles, was Du brauchst, damit Dein Leben gelingt.

Mache Dich nicht abhängig von der Mei­nung der anderen! Suche nicht ständig bei ändern den richtigen Weg zum Leben! Dein innerer Meister führt Dich den Weg, auf dem Du immer mehr in das einmalige und einzigartige Bild hineinwächst, das Gott sich von dir ge­macht hat. Wenn Du in Dich hineinhorchst, weißt Du im Grunde sehr genau, was Dir wirklich gut tut, was Dich auf Deinem inneren Weg wirklich weiterführt. Aber es braucht Vertrauen zu diesem inneren Meister. Wir möch­ten uns immer wieder absichern, indem wir bei ändern die Bestätigung für die Richtigkeit unseres Weges suchen. Auf diese Bestätigung musst Du verzichten und dem in­neren Meister trauen. Er führt Dich Deinen Weg besser als jeder geistliche oder therapeutische Begleiter.