Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 19.05.

Von | 19. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Dienstag der 5. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  16, 22-34
Evangelium: Johannes 16, 5-11

Wir dürfen den Himmel nicht nur oben suchen. In der Apos­telgeschichte schildert uns Lukas, wie die Jünger unver­wandt zum Himmel schauen, um Jesus zu beobachten, wie er aufsteigt. Da „standen plötzlich zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel em­por?“ (Apg l,10f) Die beiden Engel verweisen die Männer darauf, dass Jesus wiederkommen wird. Sie sollen ihm also nicht nachsehen, sondern sie sollen ihn dort sehen, wo er wiederkommt. Und das ist das eigene Herz.

Das hat Angelus Silesius in seinem berühmten Vers aus dem cherubinischen Wandersmann in klassischer Weise aus­gedrückt:
„Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.“
Der Himmel ist nicht irgendwo zu suchen, sondern in uns. Das entspricht der lukanischen Weitsicht. Lukas ist Grieche. Er schildert Jesus als den göttlichen Wanderer, der vom Himmel herabgestiegen ist, um uns an unseren göttlichen Kern zu erinnern, um uns zu vermitteln, dass das Reich Gottes in uns ist, dass der Himmel in uns ist. Wir sind nicht nur Menschen dieser Erde, sondern zu­gleich Menschen des Himmels. In Jesus hat Gott uns be­sucht.

Lukas hat hier die Bilder griechischer Sagen vor Augen, in denen die Götter in Menschengestalt zu den Menschen kommen. Im Lobgesang des Zacharias heißt es: „Er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaf­fen… Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe.“ (Lk 1,68.78) In Jesus kommt Gott selbst auf die Erde und besucht uns. Er kehrt als Wanderer bei uns ein, in das Haus unserer Gemeinschaften, aber auch in das innere Haus unseres Herzens, um uns die Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit Gottes zu erweisen.

Origines, der große griechische Theologe, hat das so aus­gedrückt: „Coelum es et in coelum ibis – Du bist Himmel und du gehst in den Himmel.“ Wir sind beides, Menschen, die den Himmel in sich tragen, und Menschen auf dem Weg zum Himmel. Beide Botschaften sind zentral für das Lukasevangelium. Wir sind wie Jesus Wanderer zwischen Himmel und Erde. Wir gehen wie Jesus dem Himmel zu. Augustinus hat diese Erfahrung in die Worte gekleidet: „Portando Deum coeli, coelum sumus – Indem wir den Gott des Himmels tragen, sind wir Himmel.“ Der Himmel ist schon in uns, da Christus in uns ist. Aber zugleich sind wir auf dem Weg in den Himmel, in dem wir Chri­stus in seiner Herrlichkeit schauen werden. Eine chassidische Geschichte antwortet auf die Frage, wo sich Gott versteckt: „Im Herzen des Menschen.“ Im menschli­chen Herz wohnt Gott. Und wo Gott wohnt, da ist der Himmel.

Im Mönchtum war es vor allem Evagrius Ponticus, der immer wieder von dem inneren Raum sprach, der in je­dem Menschen ist. Es ist für ihn der Raum der Liebe und der Raum, der frei ist von den Trübungen durch die Lei­denschaften. Evagrius beschreibt diesen inneren Raum in verschiedenen Bildern. Er ist der Ort Gottes.
In ihm sehen wir ein Licht, das leuchtet wie ein Saphir. Er ist Jerusalem, Schau des Friedens. Dort sind wir im Einklang mit uns selbst.

Die Mönche des Mittelalters bringen den Vergleich: „cella est coelum – die Zelle ist der Himmel“. Sie meinen damit nicht nur die Mönchszelle, in der der Mönch allein ist mit seinem Gott, in der er freundschaft­liche Zwiesprache hält mit seinem Gott. Zelle ist auch ein innerer Ort, der Raum des reinen Schweigens, in dem Gott in uns wohnt. Dieser Raum ist der Himmel, in dem der Mönch zusammen mit Gott wohnt.

Die Mönche spre­chen von diesem Raum auch als „valetuninarium – Kran­kenstube, Raum des Gesundens“. Wenn wir im Gebet im­mer wieder in diesen inneren Raum eintauchen, können wir darin von unseren Verletzungen und Wunden geheilt werden und zu neuen Kräften kommen. In dieser inne­ren Zelle hüllt uns Gottes heilende und liebende Gegen­wart ein.

Wenn Du meditierst, dann tu es mit einem der oben ge­nannten Bilder. Stelle Dir vor, dass der Himmel in Dir ist und dass Du Gott in Deinem Himmel in Dir trägst! Oder setze Dich friedlich in Dein Zimmer! Schau Dich um, was Du wahrnimmst in dem Zimmer, in dem Du täglich soviele Stunden verbringst! Und dann stelle Dir vor, dass Dein Zimmer der Ort ist, an dem Gott mit Dir zusammenwohnt, an dem Gott mit Dir Zwiesprache halten möchte, an dem Gott Deine Wunden heilt!