Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 18.05.

Von | 18. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Montag der 5. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  16, 11-15
Evangelium: Johannes 15, 26-16, 4a

Lukas schildert die Himmelfahrt Jesu in kurzen, aber präg­nanten Worten: „Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben.“ (Lk 24,50f) In der Himmel­fahrt Jesu öffnet sich über uns der Himmel. Die frühen Christen haben beim Gebet die Hände zu Gott erhoben. Sie haben in der Orantehaltung gebetet. Wenn ich mit erhobenen Händen bete, kann ich mir vorstellen, dass ich in meinem Gebet den Himmel öffne über meinem Leben. Ich stehe tief verwurzelt in der Erde und hebe meine Hände zum Himmel. Der Himmel reicht dann bis in die Dunkelheit meiner Angst, bis in die Erdhaftigkeit und Triebhaftigkeit meines Lebens. Aber im Gebet öffne ich den Himmel nicht nur über mir, sondern über den Men­schen, die mir am Herzen liegen, ja über der Stadt, in der ich gerade bin, ja über dem ganzen Land.

Wenn viele Menschen an einem Ort mit erhobenen Händen beten, kann man sich gut vorstellen, dass sich der Himmel öff­net für alle, denen der Himmel verhangen und verschlos­sen ist, die keinen Sinn mehr haben für Gott, die ihren Blick nicht mehr nach oben richten, sondern nur hier auf der Erde schauen, dass sie einigermaßen zurechtkommen. Im Gebet öffnet sich der Himmel über uns und unserer Welt.

Das wurde mir deutlich, als ich auf dem Berg Athos eine ganze Nacht den Gottesdienst zum Fest der Verklä­rung mitfeierte. Da wurde in der Dunkelheit der Nacht ein Fenster aufgestoßen, das den Blick in den Himmel ermöglichte. Wenn man stundenlang Psalmen und Lieder singt, dann sieht man die ganze Welt in einem anderen Licht. Dann ist die Welt nicht mehr in sich verschlossen, sondern offen für den Himmel, dann berühren sich dort, wo wir beten, Himmel und Erde.

Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der vom Himmel herabgestiegen ist: der Menschensohn.“ (Joh 3,13)

Chri­sti Himmelfahrt begehen heißt nicht, dass wir vor dieser Erde zum Himmel fliehen, dass wir als Himmelstürmer die Erde überspringen. Das ist die Gefahr von frommen Menschen, die so fasziniert sind von Gott, dass sie alles Irdische am liebsten hinter sich lassen.

Aber schon der Mythos von Ikarus, dem Himmelstürmer, der jäh abge­stürzt ist, zeigt, dass das ein Irrweg ist. Wir können unsere Erdenschwere, unsere Triebhaftigkeit, unsere Dunkelheiten nicht überspringen. Nur wenn wir den Mut haben, hinab­zusteigen in unsere Menschlichkeit, wird sich über uns der Himmel öffnen.

Das hat der hl. Benedikt in seinem Kapitel über die Demut gezeigt, in dem er die Jakobslei­ter als Bild für unseren spirituellen Weg sieht: Nur wer hinabsteigt zur Erde, zum Humus (humilitas = Demut), der vermag auch aufzusteigen zum Himmel.

Lukas schreibt in seinem Evangelium, dass sich der Himmel ge­rade dann über Jesus öffnet, als er hinabsteigt in das Wasser des Jordan, in die Fluten, die von der Schuld der ganzen Menschheit getrübt waren, in das Wasser des Unbewussten, in das Schattenreich, in dem die Dämonen, die Mächte dieser Welt, ihr Unwesen treiben. Gerade dort, wo Jesus in Berührung kommt mit der äußersten Gefähr­dung des Menschseins, dort öffnet sich der Himmel über ihm. (Lk 3,2lf) Und als Jesus am Ölberg voller Angst da­rum betete, dass der Kelch des gewaltsamen Todes an ihm vorüberginge, als sein Angstschweiß wie Blutstropfen auf die Erde fiel, als er sich von seinen Jüngern allein gelas­sen fühlte, da öffnet sich wieder der Himmel über ihm, und ein Engel kommt herab und stärkt ihn. (Lk 2 2,43f)

Dort, wo wir am Ende sind, wo wir nicht weiter wissen, wo wir trotz unseres Glaubens voller Angst und Zweifel sind, dort öffnet sich über uns der Himmel.

Dort schickt Gott uns seinen Engel, um uns zu stärken. Der Engel ver­bindet Himmel und Erde. Er bringt den Himmel auf die Erde, gerade in unsere Angst und Not hinein.

Wo möchtest Du der Erde mit seiner Enge entfliehen? Benützt Du den Himmel als Flucht vor den Schwierigkei­ten, die Dich bedrängen? Oder kennst Du die Erfahrung, dass sich der Himmel gerade über Deiner Angst geöffnet hat? Was heißt für Dich Aufsteigen durch Hinabsteigen? Wo weigerst Du dich, hinabzusteigen in die Tiefe Deiner inneren Abgründe? Meditiere die beiden Szenen von der Taufe Jesu (Lk 3,21 f) und dem Gebet Jesu am Ölberg (Lk 22,43f)! Vielleicht öffnet sich dann auch über Deiner Angst und über den Wasserfluten Deines Lebens der Himmel.