Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 14.05.

Von | 14. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Donnerstag der 5. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  15, 7-21
Evangelium: Johannes 15, 9-11

Die Griechen kennen drei Worte für Liebe: Eros, Philia und Agape. Eros ist die begehrliche Liebe, Philia die Freundesliebe und Agape die reine Liebe, die sowohl den Menschen als auch Gott gilt. Alle drei Formen der Liebe hängen miteinander zusammen. Manche Exegeten mei­nen, die Agape würde den Eros weit hinter sich lassen. Aber dann wäre die göttliche Liebe eine blutleere Liebe. Auch sie muss noch von der Leidenschaft des Eros ge­tränkt sein, damit sie unser Leben verwandeln kann. Auch die Philia braucht den Eros und zugleich die Agape. Nur dann weiß sich der Freund ganz und gar angenommen und geliebt. Jeder Mensch sehnt sich zutiefst danach, geliebt zu werden und lieben zu können.

Aber unsere Sehnsucht wird oft enttäuscht. Wir machen die Erfahrung, dass die Liebe uns verzaubern und die Mauern unserer Abwehrmechanismen durchbrechen kann. Aber wir er­fahren unsere Liebe oft genug als brüchig, als durchsetzt mit Besitzansprüchen, Machtbedürfnissen und vielerlei Ängsten.

Das Johannesevangelium will uns zeigen, wie Jesus die Menschen, die sich selbst entfremdet und zur Liebe unfähig geworden waren, wieder zur Liebe befä­higt. Daher schließt Johannes seine drei Auferstehungs­begegnungen mit der Frage nach der Liebe ab.

Es geht in der dreifachen Frage Jesu an Petrus nicht nur darum, dass der, der die Kirche leiten soll, sich durch be­sondere Liebe auszeichnen muss. Es geht vielmehr um die Frage, wie wir die echte und authentische Liebe ler­nen können. Jesus fragt Petrus dreimal. Das deutet auf seine dreimalige Verleugnung hin. Wenn wir von unserer Liebe sprechen, so sollen wir das immer mit dem Wissen tun, dass wir die Liebe oft genug verraten haben, dass wir uns bei aller Sehnsucht nach Liebe immer wieder von ihr abgewandt haben. Wir können uns nicht in die Brust wer­fen und sagen, dass wir Gott und die Menschen lieben. Es braucht Bescheidenheit und Vorsicht, wenn wir von un­serer Liebe sprechen. Wir sollen den Mund nicht zu voll nehmen, sondern behutsam und achtsam von unseren Versuchen reden, wahrhaft und wirklich zu lieben.

Im griechischen Text fragt Jesus die ersten beiden Male Petrus nach seiner Agape, ob er ihn also mit einer Liebe liebe, die vom Ego befreit ist, von der Absicht, den än­dern für sich zu besitzen. Und Petrus antwortet beide Male mit: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe (philo se).“ Er kann von sich behaupten, dass er Jesus als Freund lie­be, mit einer Liebe, die voller Gefühle ist, die ihn gern hat, die Freude an ihm hat. Aber zugleich wendet er sich bei seiner Antwort an Jesus: „Herr, Du weißt es. Du spürst es doch, dass ich Dich liebe. Es ist nicht nur meine Einbil­dung. Meine Freundesliebe ist wirklich. Unsere Freund­schaft ist echt. Ich spüre bei Dir doch die gleichen Ge­fühle.“ Bei der dritten Frage wechselt Jesus das Wort. Nun fragt er: „Phileis me – liebst Du mich als Freund?“ Da wird Petrus traurig.

Vielleicht wird er traurig, weil er sich an den eigenen Verrat erinnert.

Vielleicht betrübt es ihn aber auch, dass Jesus seine Freundschaft in Frage stellt. Die ist doch so klar für ihn.

Dass er Jesus mit völlig selbstloser Liebe (Agape) liebt, das hat er nie zu behaupten gewagt. Aber die Gefühle seiner Liebe und seiner Freundschaft hat er nie angezwei- felt. Doch Jesus stellt auch seine Gefühle in Frage. Er soll sie genauer anschauen, ob sie wirklich stimmen.

Wie weit haben sich da andere Motive hineingemischt? Ist es nicht etwas Besonderes, Freund Jesu zu sein? Benützt Petrus nicht seinen großen Freund für sich und sein Selbstwert­gefühl? Ist es wirkliche Freundesliebe, die sich am än­dern freut, die den ändern sein lässt, wie er ist? Oder will Petrus nur die andern Jünger ausstechen, damit er sich rühmen kann, Jesu bester Freund zu sein? Petrus ant­wortet auf diese Frage: „Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe (philo se).“ (Joh 21,17) Petrus öff­net Jesus sein Herz und lässt ihn hineinschauen. Er möchte ihm sagen: „Herr, Du durchschaust mein Herz. Du weißt, wieviel Egoismus in meiner Liebe ist, wieviel Berechnung, wieviel Besitzanspruch und Eifersucht. Aber Du weißt auch, dass trotz allem etwas an meiner Liebe ganz lauter ist, dass ich in der Tiefe meines Herzens Dich meine, Dich mit reiner Liebe heben möchte, dass in mir zumindest die Sehnsucht nach dieser lauteren Liebe ist.“

Schau Dir Deine Liebe an, Deine Liebe zu Deinem Freund und Deiner Freundin, Deine Liebe zum Ehepartner, zu den Kindern, zu den Kollegen, und Deine Liebe zu Gott, zu Christus! Halte Dein Herz Gott hin und lass es von Ihm durchforschen und prüfen! Stelle Dir immer wieder die Frage, mit der Jesus den Petrus dreimal verunsichert hat! Halte Gott alles hin, was an Deiner Liebe berechnend und unlauter ist! Aber vertraue auch darauf, dass in Dir auch reine Liebe ist, dass Du die Menschen in ihrem Sosein wirk­lich lieben möchtest, dass in Dir eine tiefe Sehnsucht ist, Gott mit ganzem Herzen zu lieben. Auch wenn Du die

Liebe zu Gott oft nicht spürst, auch wenn Du weit weg zu sein scheinst von dieser lauteren Liebe, so ist in Dir doch zumindest eine Ahnung und eine echte Sehnsucht von dieser Liebe, die Dein Leben wahrhaft lebenswert macht. Trau Deiner Sehnsucht! Trau Deiner Liebe! Dann erlebst Du heute Auferstehung.