Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 12.05.

Von | 12. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Dienstag der 5. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  14, 19-28
Evangelium: Johannes 14, 27-31a

Petrus stürzt sich auf das Wort des Lieblingsjüngers so­gleich in den See. Es scheint widersinnig zu sein, dass er sich zuerst das Obergewand anzieht. So wird er mit nas­sen Kleidern Jesus gegenüber treten. Aber offensichtlich ist Petrus so begeistert, als er hört, dass es Jesus sei, dass er sofort ins Wasser springt, um Jesus als erster zu errei­chen. Für einen Orientalen, so meinen die Exegeten, wür­de es der Anstand erfordern, bekleidet vor einem ändern zu erscheinen. Vielleicht hat es aber auch einen symboli- schen Sinn. Das Obergewand ist ja auch ein Bild für die Rolle, die wir spielen, und für die Maske, die wir aufha­ben. Und Wasser symbolisiert das Unbewusste.

Wenn wir vor dem Auferstandenen erscheinen wollen, muss das Obergewand eingetaucht werden in das Wasser des Un­bewussten, müssen unsere Masken und Rollen aufweichen. Wir können dem Auferstandenen nicht in äußerer Sicher­heit begegnen, sondern nur als Menschen, die von Kopf bis Fuß nass geworden sind, bei denen nichts mehr erstarrt ist, sondern alles mit dem Wasser des Lebens in Berüh­rung kam.

Die andern Jünger kommen mit dem Boot und dem Netz ans Ufer. Und jetzt sehen sie ein Kohlenfeuer am Boden und darauf Fisch. Neben dem Feuer liegt Brot. Jesus hat jetzt schon den Fisch, um den er sie doch zu Beginn der Szene gebeten hat. Er bittet die Jünger, dass ie auch von ihren Fischen bringen. All das scheint nicht sehr logisch zu sein. Aber es geht Johannes nicht um Logik, sondern um ein Geheimnis. Das wird auch in der Zahl sichtbar, die er unvermittelt bringt. Als Petrus das Netz an Land zog, da war es mit 153 großen Fischen gefüllt. Die Exegeten haben sich über diese Zahl den Kopf zerbro­chen. Augustinus erklärt die Zahl so: Wenn man von eins bis siebzehn zählt, ergibt es 153. Eins ist die Ganzheit, sieben ist die Zahl der Verwandlung. Auferstehung heißt dann, dass unser Leben verwandelt wird und dass es zu­gleich ganz wird und heil.

Mich fasziniert seit langem die Deutung, die Evagrius Ponticus (+ 399) für diese Zahl gegeben hat. Er hat sein Buch „Über das Gebet“ in 153 kleine Kapitel eingeteilt. In der Einleitung gibt er eine Erklärung dafür: „Diese Abhand­lung über das Gebet haben wir also in 153 mit dem Evangelium und hoffen zugleich, dass du darin die Kostprobe einer symbolischen Zahl entdecken mögest, die sowohl die Form eines Dreiecks als auch die eines Sechsecks enthält. Es sind dies Zeichen zum einen für die Trinität und zum anderen für den geordneten Kosmos. Die Zahl 100 ist in sich ein Quadrat, die Zahl 53 ein Drei­eck, sie ist aber auch kugelförmig. Warum? Nun, sie be­steht aus der Summe von 25 und 28. 28 ist in sich ein Dreieck und 25 eine Kugel, denn sie ist die Summe aus 5 mal 5. So ergibt diese Summe also eine quadratische Fi­gur, die die vierfache Zahl der Tugenden symbolisiert und eine kugelförmige, die ja durch ihre Form die kreisförmi­ge Bewegung der Zeit ausdrückt und ein geeignetes Sym­bol ist für ein tieferes Verstehen der Welt… Das Dreieck andererseits, das in der Zahl 28 zum Ausdruck kommt, symbolisiert die Erkenntnis der Trinität.“ (Evagrius 86) Es ist eine etwas komplizierte Zahlendeutung, die Evagrius hier gibt. Aber sie zeigt, dass für ihn das Geheimnis der Auferstehung in der Kontemplation zur Vollendung kommt. In der Kontemplation verstehen wir die Welt auf neue Weise. Da sehen wir in allen Dingen Gott. Auferste­hung heißt nach dieser Zahlensymbolik, dass Gott und Welt zusammenfallen, dass Gott in irdischen Dingen für uns erfahrbar wird. Und Auferstehung bedeutet, dass wir eins werden mit dem dreifältigen Gott.

Wenn Auferstehung an uns geschieht, dann werden alle Gegensätze in uns eins, dann fallen Quadrat, Kreis und Dreieck zusammen. Das Kantige und Eckige wird rund. In der Auferstehung wer­den wir mit unseren Gegensätzen über uns hinausgehoben in die Einheit mit Gott. In Gott wird alles, was in uns mit­einander im Streit liegt, eins. So ist Auferstehung für Evagrius die Vollendung der Selbstwerdung. Da kommen wir in Gott zu unserem wahren Selbst. Evagrius lädt Dich heute dazu ein, alle Gegensätze Deines Lebens anzuschauen und darauf zu vertrauen, dass sie Dich nicht zerreißen, sondern in der Begegnung mit dem Auf­erstandenen eins werden. Du musst Deine Gegensätze nicht selbst zusammenbringen. Du musst die innere Spannung, die Dich manchmal zu zerreißen droht, nicht selber auflösen. Du brauchst sie nur Gott hinhalten. Wenn Du sie im Gebet Gott zeigst, ohne sie zu bewerten, dann kannst Du erfahren, dass Du mit Deiner Gegensätzlichkeit von Gott angenommen bist. Das wird Dir mitten in Deiner Wider­sprüchlichkeit einen tiefen inneren Frieden schenken, die Ahnung von Heilung, Vollendung und Ganzwerdung. Das ist für Evagrius die Erfahrung von Auferstehung.