Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 06.05.

Von | 6. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Mittwoch der 4. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  12, 24-13,5
Evangelium: Johannes 12, 44-50

In der Gestalt des Thomas beschreibt uns Johannes, wie unser Glaube an die Auferstehung durch alle Zweifel hin­durch wachsen kann. Seit jeher hat die Gestalt des Tho­mas die Menschen fasziniert. Oft hat man Thomas als den Zweifler gesehen. Da wir in unserem Glauben immer wieder auch durch Zweifel verunsichert werden, können wir uns in Thomas wiederfinden. Er ist uns sympathisch. Er ist wirklich unser Zwilling, der genau das repräsen­tiert, was wir auch fühlen. Aber schauen wir genau hin, wie Johannes das Verhalten des Thomas deutet. Thomas war nicht dabei, als Jesus den Jüngern am Osterabend erschienen war und ihnen den HL Geist eingehaucht hat­te. Als die Jünger ihm davon erzählen, genügt ihm das nicht. Er antwortet ihnen: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Fin­ger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ (Joh 20,25)

Eigentlich ist Thomas hier nicht der Zweifler, sondern der, der die Erfahrung sucht. Er begnügt sich nicht da­mit, nur zu glauben, was andere ihm erzählen. Er möch­te selbst sehen, selbst ertasten, selbst berühren. Nur dann ist er bereit zu glauben. Johannes lädt uns ein, in die Schule des Thomas zu gehen und wie er den Glauben an die Auferstehung zu lernen. Unser Glaube braucht die Erfahrung. Nur für wahr zu halten, was andere uns sa­gen, ist gegen unsere Würde. Unser Wunsch nach der Er­fahrung Gottes, nach der Erfahrung von Auferstehung ist berechtigt. Aber wenn wir das Wunder der Liebe an uns spüren wollen, müssen wir uns wie Thomas auf die ganz andere und unerwartete Antwort Jesu einlassen.

Thomas stellt eine Bedingung für seinen Glauben, die uns eigenartig berührt. Warum legt er soviel Wert auf die Wunden Jesu, auf die Male der Nägel an seinen Händen und auf die offene Seite Jesu? Kann er nur dann an die Auferstehung glauben, wenn er die Wunden Jesu berührt? Braucht er den Beweis für die Identität des Auferstande­nen mit dem Gekreuzigten, weil es für ihn so unwahr­scheinlich ist, dass der, der unter solchen Qualen gestor­ben ist, je wieder leben wird? Offensichtlich hat ihn die­ser ganz und gar unerwartete und qualvolle Kreuzestod Jesu so in seinem Glauben an den Messias verunsichert, dass er eines greifbaren Beweises bedarf, um an die Auf­erstehung glauben zu können.

Acht Tage nach dem Osterabend sind die Jünger wieder versammelt, auch diesmal bei verschlossenen Türen. Acht ist die Zahl der Unendlichkeit, der Ewigkeit. Der achte Tag ist der Auferstehungstag, der keinen Abend kennt. Es ist aber auch der Sonntag, an dem sich die Christen zur Eucharistie versammeln. Und die Christen kommen am Ende des 1. Jahrhunderts, da Johannes sein Evangeli­um schreibt, oft bei verschlossenen Türen zusammen. Denn sie haben Angst vor den Nachstellungen der römi­schen Staatsmacht. Aber die verschlossenen Türen wei­sen auch hin auf die, die immer noch in Angst leben, die auch die Begegnung mit dem Auferstandenen am Oster­abend noch nicht zu einem vertrauenden Glauben be­freit hat. Mit dem Gruß „Der Friede sei mit euch!“ tritt Jesus in die Mitte der Jünger, wie er es jeden Sonntag tut, wenn die Christen sich zum Brotbrechen versammeln und sich um den Auferstandenen scharen. Johannes will uns an Thomas zeigen, wie wir, die wir Sonntag für Sonntag Eucharistie feiern, den Glauben an die Gegenwart des Auferstandenen lernen können.

Jesus gewährt dem Thomas, was er Maria Magdalena ver­weigert hat: die Berührung seiner Hände und seiner Sei­te. Am Osterabend hat er den Jüngern seine Hände und seine Seite nur gezeigt. Nun fordert er den Thomas auf, seine Finger in die Wundmale seiner Hände zu legen und mit seiner Hand seine Seitenwunde zu berühren. In der Eucharistie ist Jesus nicht nur in unserer Mitte, er lässt sich berühren. Wenn er seinen Leib in der Gestalt des Brotes in unsere Hände legt, dann legen wir den Finger in seine Wunde. Denn es ist sein Fleisch, hingegeben für uns, hingegeben für das Leben der Welt, (vgl Joh 6,51) Und wenn wir aus dem Kelch trinken, dann trinken wir das Blut, das aus seiner Seitenwunde fließt. Dann ge­schieht genau das, was Jesus dem Thomas gewährt. Wenn wir glaubend unsere Finger in die Wundmale seiner Hän­de legen und unsere Hand in seine Seitenwunde, dann kann sich an seinen Wunden das Wunder des Glaubens ereignen. Dann verwirklicht sich seine Verheißung aus seiner eucharistischen Brotrede: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm.“ (Joh 6,56) Johannes hat in der Brotrede das Wort „trogon“ benützt, das kauen, zerbeißen, aber auch naschen (von der Nachspeise) bedeutet. Es ist also ein lustvolles Es­sen, das mit allen Sinnen geschieht, In diesem Kauen komme ich wirklich in Berührung mit dem Fleisch des Auferstandenen. Da berühre ich gerade seine Wunden, in denen das Wunder seiner Liebe für uns geschehen ist. Die Wunden sind für Johannes Zeichen der Liebe, in der Jesus sich für seine Freunde hingegeben hat. Das eucharistische Brot essen, das Brot, das vom Himmel kommt, mit allen Sinnen kauen, das ist für Johannes wie ein Kuss der Liebe, in dem wir mit allen Sinnen die Liebe des Ge­liebten auskosten. Und wenn wir den Wein trinken, das Blut, das aus seiner Seite strömt, dann können wir mit dem Hohenlied sagen: „Süßer als Wein ist deine Liebe.“ (Hdl 4,10) Aber wir können diese Liebe in Brot und Wein, in Leib und Blut Christi, nur dann wahrnehmen, wenn wir nicht ungläubig, sondern gläubig sind, wenn wir glau­ben, dass der Auferstandene wirklich unter uns ist und uns in seinem Fleisch und Blut wahrhaftig berührt.

Auf welche Erfahrung kann sich Dein Glaube berufen? Wo hat der Zweifel Deinen Glauben vertieft und ihn von Illusionen befreit? Was heißt für Dich, Deine Finger in die Wunden Jesu zu legen? Wo hast Du den Auferstande­nen erfahren und wo ihn berührt?