Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 05.05.

Von | 5. Mai 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Dienstag der 4. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  11, 19-26
Evangelium: Johannes 10, 22-30

„Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ (Joh 20,22f)

Jesus haucht seine Jünger an und übergibt ihnen auf diese zärtliche Weise seinen Geist. Es ist sein persön­licher Geist, aus dem heraus er gelebt hat, aus dem her­aus er gehandelt, gesprochen und geliebt hat. Wenn er uns seinen Geist einhaucht, dann können wir ähnlich wie er sprechen und handeln und lieben. Es ist der hl. Geist, den er uns einhaucht. Aber zugleich ist es sein persönli­cher Geist, seine konkrete Art, wie er auf Menschen zu­gegangen und wie er sie angesprochen hat. Es ist seine persönliche Ausstrahlung, die er uns weitergibt.

Einen andern anhauchen heißt, ihm das Innerste mitzu­geben, das wir besitzen. Jesus haucht uns seine Liebe ein. In unserem Atem atmen wir nun nicht mehr nur Luft ein, sondern Gottes Geist, Gottes Liebe. Der persische Mystiker Dschalal ed-din ar-rumi nennt den Atem den Liebesduft Gottes, der uns ganz und gar durchdringt. Es gibt wohl keine innigere Gemeinschaft zwischen Jesus und uns, als dass er uns seine Liebe einhaucht. In jedem Atem können wir seine Liebe leibhaft wahrnehmen. Wir müs­sen uns nur ganz und gar in diesen Atem hineinspüren. Dann können wir erahnen, dass in jedem Atemzug der Liebesduft Christi uns durchströmt. Das schenkt uns eine Intimität zwischen Jesus und uns, wie sie kaum inniger gedacht werden kann.

Das griechische Wort für einhauchen „emphysao“ wird in der Genesis für Gottes Schöpfungsakt gebraucht. Der Atem Gottes weckt das Leben in aller Schöpfung. So ist das Anhauchen Jesu auch etwas Schöpferisches. Jesus schafft mit seinem Geist in uns eine neue Wirklichkeit. Und diese neue Wirklichkeit ist die Liebe, die uns durch­dringt. Die Liebe drückt sich für Johannes vor allem in der Vergebung der Sünden aus. Hier ist nicht die Verge­bung gemeint, die wir von Gott erfahren, sondern die wir Menschen einander erweisen. Die Fähigkeit, einem, der mich verletzt hat, zu vergeben, ist für Johannes Ausdruck des HI. Geistes, den der Auferstandene mir eingehaucht hat. Wenn ich dem ändern nicht vergeben kann, bin ich noch an ihn gebunden, dann ist mein Inneres von Ärger, Schmerz und Traurigkeit erfüllt. Der andere bestimmt meine Stimmung. Wenn in meinem Atem Christi Liebe mich durchdringt, kann ich dem ändern vergeben. Er hat keine Macht mehr über mich. Die Sünde sondert den Men­schen ab, sie schließt ihn aus der Gemeinschaft aus und spaltet ihn in sich selbst. Die vergebende Liebe eint den in sich gespaltenen Menschen und nimmt ihn wieder auf in die Gemeinschaft. Jetzt kann auch in ihm das Leben wieder Achte heute auf Deinen Atem! Stell Dir vor, wie Du in jedem Atemzug den Geist Jesu einatmest, wie in Deinem Atem die Liebe Christi in alle Poren Deines Leibes dringt! Wie fühlst Du Dich dann? Welchen Geschmack bekommt Dein Leben dadurch? Wenn diese Liebe Deine innerste Wirklichkeit ist, ist Vergebung für Dich keine Forderung oder gar Überforderung mehr. Du lässt die Verletzung des ändern los, weil die Liebe Dich durchströmt und für die Bitterkeit kein Raum mehr in Dir ist. Du wirst spüren, wie die vergebende Liebe Dich befreit von der Macht der Menschen, die Dich verletzt haben. Die Vergebung, zu der Dich die Liebe Christi in Dir befähigt, heilt Deine ver­wundete Vergangenheit. Du lebst nicht mehr aus den Verletzungen Deiner Lebensgeschichte, sondern aus der Wirklichkeit der Liebe, die Dich in Deinem Atem durch­strömt.