Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 29.04.

Von | 29. April 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Mittwoch der 3. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte  8, 1b – 8
Evangelium: Johannes 6, 35 – 40

Offensichtlich ist Maria von Magdala voller Liebe auf Jesus zugegangen und hat ihn liebevoll berührt, oder aber sie war gerade im Begriff, ihn zu umfassen. Die Künstler stel­len das verschieden dar. Manchmal kniet Maria Magdalena vor Jesus nieder und umfängt seine Füße. Auf anderen Bil­dern berührt sie seine Seite. Sie möchte ihn umarmen. Sie möchte auf jeden Fall in die gleiche Beziehung treten, die sie vor Jesu Tod mit ihm hatte. Sie möchte den geliebten Meister spüren und seine Nähe fühlen. Seine liebende Nähe hat sie gesund gemacht. Sie könnte auch jetzt ihre Trauer in dauernde Freude wandeln und sie für immer trösten. Doch Jesus antwortet ihr: „Halte mich nicht fest!“ (Joh 20,17)

Auferstehung heißt nicht, dass Jesus einfach wieder in den Zustand zurückgekehrt ist, in dem er vor seinem Tod war. Er ist auf dem Weg zum Vater. Er lässt sich nicht festhalten. Die Liebe des Auferstandenen geht nicht mehr über Berüh­rung und Umarmung, sondern über das Aussprechen des Namens, über die tiefe Begegnung zwischen dem, der das Grauen des Todes durchschritten hat, und der, die ihm ihr Dasein verdankt. Die Liebe Jesu zu Maria von Magdala ist durch den Tod nicht abgebrochen. Der Tod konnte ihr nichts anhaben. Der Tod Jesu hat Maria Magdalena gelehrt, den Geliebten loszulassen. Er hat ihre Liebe verwandelt und sie befreit von allem Festhaltenwollen.

Johannes versteht die Erlösung des Menschen durch Je­sus Christus als Befähigung zur Liebe. Die Not des Men­schen besteht für Johannes darin, dass der Mensch sich selbst entfremdet ist. Dadurch ist er unfähig geworden zu lieben.

Wer mit sich selbst nicht in Berührung ist, der kann auch nicht in Liebe einen anderen berühren. Er wird die Liebe vom andern einfordern. Er benutzt die Liebe des andern, damit er sich selbst spürt. Er saugt die Liebe aus dem ändern heraus. Aber die Liebe wird nicht zwi­schen ihnen hin- und herströmen. Der sich selbst ent­fremdete Mensch kann auch die Liebe nicht mehr spü­ren, die ihm von Gott her zufließt. Und so kann er auch zu Gott keine Liebe fühlen. Der Fluss der Liebe ist ver­siegt.

Der Tod Jesu am Kreuz ist für Johannes Zeichen für die Liebe, mit der uns Jesus bis zur Vollendung ge­liebt hat. Das Kreuz ist Einweihung in das Geheimnis der göttlichen Liebe. Die Liebe Jesu zu uns vollendet sich in der Auferstehung Jesu. Im Tod Jesu wird die Hingabe der Liebe sichtbar, in der Auferstehung der Sieg der Liebe offenbar. Deshalb beschreibt Johannes die Begegnung Jesu mit Maria von Magdala als Liebesgeschichte. Das Wort „Halte mich nicht fest!“ bezieht sich auf das Liebeslied der Braut, die den, den ihre Seele liebt, endlich gefunden hat: „Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los, bis ich ihn ins Haus meiner Mutter brachte, in die Kammer derer, die mich geboren hat. Bei den Gazellen und Hirschen der Flur beschwöre ich euch, Jerusalems Töchter: Stört die Liebe nicht auf, weckt sie nicht, bis es ihr selbst gefällt.“ (Hdl 3,4f)

Die Liebe, die der Auferstandene uns erweist und in die er uns durch seine Auferstehung einweisen möchte, un­terscheidet sich von der erotischen Liebe zwischen Braut und Bräutigam. Sie hält nicht fest und lässt sich nicht festhalten. Die erotische Liebe umarmt und umklammert den Geliebten.

Die Liebe des Auferstandenen gibt frei und lässt los. Sie strömt in die Tiefe unseres Herzens, wenn Chri­stus uns liebevoll mit unserem Namen anspricht, wenn er uns anschaut und uns sein Antlitz zuwendet.

Aber wir können diese Liebe nicht für uns reservieren. Es ist eine Liebe, die jedem gilt, der sich auf den auferstandenen Christus einlässt. Das muss Maria von Magdala lernen. Und wie Johannes zeigt, hat sie es gelernt.

Die Legenden ha­ben die Deutung des Johannes weiter geführt, indem sie Maria Magdalena als die große Liebende beschreiben, die sich so in die Liebe Gottes hinein meditiert, dass ihr Ant­litz nur noch Liebe ist. Wer ihr begegnet, der wird von ihrer Liebe fasziniert. Die Betrachtung der Auferstehung will auch uns einweihen in das Geheimnis der göttlichen Liebe, die voller Erotik ist, wie uns Maria Magdalena zeigt, die aber durch die Verwandlung des Todes gegangen ist und uns nicht festhält und festlegt auf ein bestimmtes Gefühl. Von dieser Liebe, die in der Auferstehung sicht­bar wird, gelten die Worte des Hohenliedes: „Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt. Ihre Gluten sind Feuergluten, gewaltige Flam­men. Auch mächtige Wasser können die Liebe nicht lö­schen; auch Ströme schwemmen sie nicht weg. Böte ei­ner für die Liebe den ganzen Reichtum seines Hauses, nur verachten würde man ihn.“ (Hdl 8,6f)

Wie gehst Du mit Deiner Sehnsucht um, zu lieben und geliebt zu werden? Hast Du Zweifel an der Liebe, die Du von Deinem Freund oder Deiner Freundin, von Deinen Eltern, von Deinem Ehepartner erfährst? Du musst Deine Zweifel gar nicht unterdrücken. Sie dürfen sein. Sie wol­len Dich durch die Liebe, die Dir von Menschen entge­gengebracht wird, hinführen zu der Liebe, die Dir vom Auferstandenen zuströmt. Du kannst die Liebe der Men­schen nur genießen, wenn Du Dich von ihr auf die un­endliche und absolute Liebe Jesu verweisen lässt, die den Tod besiegt hat. Auferstehung feiern, heißt, an die Liebe glauben, die auch im Tod nicht zerrinnt, Dich von der ewigen Liebe Gottes geliebt zu wissen.