Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 27.04.

Von | 27. April 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Montag der 3. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte 6, 8 – 15
Evangelium: Johannes 6, 22 – 29

Johannes erzählt, wie Maria sofort, als sie den Stein vom Grab weggenommen sah, zu Simon Petrus lief und zu dem Jünger, den Jesus liebte. Und sie sprach zu ihnen das Wort, das Johannes uns dreimal berichtet: „Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ (Joh 20,2)

Da ist kein Glaube an die Auferstehung, sondern nur die Enttäu­schung darüber, dass sie den Leichnam nicht gefunden hat. Offensichtlich brauchte sie den toten Leib Jesu, um ihm ihre Liebe zu erweisen und bei ihm trauern zu kön­nen. Für Augustinus war der Hauptgrund ihres Schmer­zes, „dass sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte, um in ihrem Schmerz Trost zu finden.“ (26)

Nun beginnt ein österlicher Wettlauf. Simon und Johan­nes, der Lieblingsjünger, laufen zum Grab. Johannes ist schneller als Petrus und kommt zuerst zum Grab.

Aber er lässt dem Älteren den Vortritt. Petrus geht in das Grab hinein. Johannes berichtet, wie Petrus einfach nur wahr­nimmt, was er sieht: „Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusam­mengebunden daneben an einer besonderen Stelle.“ (Joh 20,6f) Petrus sieht, aber er versteht nicht. Er kann sich nicht vorstellen, warum das Grab leer ist. Er muss nur feststellen, dass Maria von Magdala richtig berichtet hat. Aber den Sinn der Tatsachen erkennt er nicht. Im Johan­nesevangelium steht Petrus für den Menschen, der sich vom Verstand und Willen leiten lässt. Wer nur vom Kopf her alles beurteilen möchte, der kann das Geheimnis der Auferstehung nicht begreifen.

Der andere Jünger, der Lieblingsjünger, den die Traditi­on mit Johannes gleichsetzt, geht nach Petrus in das Grab hinein. „Er sah und glaubte.“ (Joh 20,8) Johannes sieht mit dem Herzen. Und ein liebendes Herz versteht und glaubt. Das Evangelium sagt uns nicht, was Johannes genau glaubte. Aber der Nachsatz zeigt, dass ihm offen­sichtlich etwas vom Geheimnis der Auferstehung aufge­gangen sein muss.

„Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.“ (Joh 20,9) An die Auferstehung kann man nicht mit dem blo­ßen Verstand glauben. Da braucht man wie Johannes ein Herz, das liebt und das sich geliebt weiß. Denn der Lieblingsjünger ist ja nicht nur der Jünger, der Jesus liebt, sondern, wie das Evangelium immer sagt: „Der Jünger, den Jesus liebte“. Wer sich von Jesus bis in den Grund seines Herzens geliebt weiß, der kann an die Auferste­hung glauben. Der vertraut darauf, dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass die Liebe auch den Tod überdauert und ihm auch über den Tod hinaus gilt.

Weder Petrus noch Johannes begegnen dem Auferstande­nen. Allein Maria von Magdala wird die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn geschenkt. Nur die Frau, die leiden­schaftlich geliebt hat, die sich in ihrer Liebe verschenkt hat, darf den Auferstandenen sehen und mit ihm spre­chen. Maria von Magdala ist nicht nur die Sünderin, son­dern die große Liebende. Jakobus de Voragine hat die Aus­sage aus dem Lukasevangelium, dass ihr viele Sünden ver­geben wurden, weil sie viel geliebt hat, so ausgelegt: „Dies ist die Maria Magdalena, der der Herr so große Gnade hat getan und soviel Zeichen seiner Liebe hat gegeben. Er trieb sieben böse Geister aus ihr und entzündete sie ganz in seiner Minne, er nahm sie an zu seiner sonderlichen Freun­din … Er entschuldigte sie allezeit mit großer Liebe: wider den Pharisäer, der sie unrein hatte genannt; wider ihre Schwester, die sie tadelte um ihres Müßigganges; wider Judas, der sie eine Verschwenderin hieß. Sah er sie wei­nen, so weinete er auch. Aus Liebe zu ihr erweckte er ih­ren Bruder, der vier Tage im Grabe war gelegen.“ (Voragine 472)

Wohl um keine Heilige haben sich so viele Legenden gebildet wie um Maria Magdalena. Offensichtlich haben in ihrer Gestalt die Menschen am besten das Geheimnis der Auferstehung wahrgenommen. Sie hat viel geliebt, und sie wurde von Jesus auf besondere Weise geliebt. Weil sie die­se Liebe über den Tod hinaus gezeigt hat, wurde sie damit belohnt, dem Auferstandenen zu begegnen. Und sie wur­de durch die Begegnung mit Christus selbst zu einer Quelle der Liebe. Der Legende nach wurde sie mit ihrem Bruder Lazarus nach Südfrankreich verschlagen, predigte dort den Menschen, die fasziniert von ihrer Schönheit sich zu Chri­stus bekehrten. Dann lebte sie dreißig Jahre lang als Ein­siedlerin und wurde zu jeder Gebetszeit von den Engeln in den Himmel gehoben, um an der himmlischen Liturgie teilzunehmen. An einem Osterfest ging sie frühmorgens in die Kirche, von Engeln geleitet. Dort empfing sie die hl. Kommunion. Ihr Gesicht strahlte wie die Sonne. Als sie nach dem Empfang der hl. Kommunion starb, „breitete ein solch süßer Duft sich durch die ganze Kirche, dass er noch sieben Tage lang von allen gespürt ward, die in die Kirche traten.“ (Voragine 479) So vollendete sich in ihrem Tod das Geheimnis der Auferstehung Jesu.

Kennst Du eine Petrus-Seite in Dir und findest Du auch Johannes und Maria Magdalena in Dir? Wo siehst Du alles nur mit Deinem Verstand? Wo schaust Du auf die Men­schen mit Deinem Herzen? Und wo liebst Du so leiden­schaftlich wie Maria von Magdala? Oder hast Du Dir die leidenschaftliche Liebe verboten, weil sie mit Deiner christlichen Erziehung nicht übereinstimmt? Trau Dei­ner Liebe und lass Dich von Maria Magdalena begleiten, um Dich von ihr in das Geheimnis der Liebe einführen zu lassen, die den Tod besiegt.