Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 26.04.

Von | 26. April 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

3. Sonntag der Osterzeit

1. Lesung: Apostelgeschichte 2, 14.22b-33
2. Lesung: 1. Petrusbrief 1, 17-21
Evangelium: Johannes 21, 1-14

Johannes stellt in den Mittelpunkt seiner Ostergeschichte die Gestalt der Maria von Magdala. Seit jeher hat sich die christliche Frömmigkeit dieser Frau angenommen.

Der hl. Anselm von Canterbury hat ein Gebet zu ihr verfasst. Er nennt sie die selige Gottesfreundin. Er spricht sie an: „Du erwählte Liebende und liebende Erwählerin“. Ans­elm setzt Maria von Magdala gemäß einer alten Tradition gleich mit der Sünderin in Lukas 7 und mit Maria von Bethanien, der Schwester Marthas. (Lk 10 und Joh 12)

In ihr meditiert er das Geheimnis, dass dem, der viel liebt, viel vergeben wird und dass gerade die Sünderin gewür­digt wird, dem Auferstandenen zu begegnen.

Markus und Lukas sagen von Maria von Magdala, dass Je­sus aus ihr sieben Dämonen ausgetrieben habe. (Mk 16,9 und LK 8,2) Sie begleitete Jesus und hatte offensichtlich eine besondere Nähe zu ihm. Wenn wir bedenken, was es heißt, dass aus ihr sieben Dämonen ausgetrieben wurden, dann war Maria von Magdala offensichtlich eine Frau, die in sich völlig zerrissen war. Sie hatte keine Identität, kei­ne Mitte, aus der heraus sie leben konnte. Wir würden heute sagen, sie war eine „Borderline-Persönlichkeit“. Viele Therapeuten haben Angst, sich auf Borderline-Persönlich- keiten einzulassen. Sie trauen ihnen kaum Heilung zu. Jesus hatte offensichtlich keine Angst vor Maria von Magdala. Er sah ihre Zerrissenheit und Haltlosigkeit, ihre

abgrundtiefe Angst. Aber er spürte auch ihre Sehnsucht nach Liebe. Er befreite sie von den sieben Dämonen, die sie daran hinderten, wirklich zu leben und zu lieben. Durch die Begegnung mit Jesus fand Maria ihre Würde als Frau wieder. Sie kam zu sich und entdeckte ihre Mit­te. Und ihre Mitte war eine große Liebe. Maria von Magdala verdankte Jesus ihre Existenz. In der Begegnung mit ihm wurde sie gleichsam neu geboren. Da hat sie erlebt, dass die Liebe den Tod besiegte und all das Erstarrte in ihr zu neuem Leben weckte.

Johannes versteht Maria von Magdala als die große Lie­bende. Er greift in seiner Ostererzählung auf ein Liebes­lied aus dem Hohenlied zurück. Sein Osterbericht ist da­her eine Liebesgeschichte. Im Hohenlied heißt es: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine See­le liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht. Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt? Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt. Ich packte ihn, ließ ihn nicht mehr los.“ (Hdl 3,1-4) Nicht umsonst wird das Hohelied in der jüdischen Liturgie am Paschafest gelesen. Ostern ist der Sieg der Liebe über den Tod. So versteht es Johannes auch. Maria von Magdala hat Jesus geliebt. Durch ihn und seine Liebe ist sie erst zum Leben gekommen, hat sie erst ihre Wür­de entdeckt. Augustinus und Anselm von Canterbury sind sich darin einig, dass es die Liebe war, die Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab trieb. Augustinus sagt in einer Predigt: „Während die Männer heimgingen, hielt die stärkere Liebe das schwä­chere Geschlecht am Ort fest.“ Und Anselm fragt in sei­nem Gebet: „Was endlich soll ich sagen, oder besser wie soll ich es sagen? – als Du, brennend von Liebe, Ihn beim Grabe suchend weintest und weinend suchtest, wie un­aussprechlich, wie freundschaftlich kam Er da, um Dich zu trösten, und wie entflammte Er Deine Sehnsucht noch mehr, indem Er sich der Sehenden verhüllte und der Nicht­sehenden offenbarte, und als der Gegenwärtige, den Du suchtest, Dich frug, wen Du suchtest und warum Du wein­test?“ (Anselm 100)

Es ist also eine Liebesgeschichte, wie Maria von Magdala den Auferstandenen sucht. Sie macht sich in der Nacht, als die Trauer ihr Herz verdunkelte, auf den Weg, um den zu suchen, den ihre Seele liebte. Und sie war voller Trau­er, weil sie den nicht fand, den ihre Seele liebte. Anselm von Canterbury meint, Maria weinte, weil sie, „da sie mit dem Lebenden nicht mehr reden konnte, wenigstens den Toten beweinen wollte und die lebenspendende Lehre, die sie vom Lebenden vernommen, bei der Leiche vor sich her in halbgebrochenen Worten und des Lebens über­drüssig stammeln wollte: Und nun meint sie gar, der Leib, den für sich zu haben sie sich freute, sei verlorengegan­gen.“ (Anselm 101)

Was ist Deine tiefste Sehnsucht? Wohin treibt Dich Deine Liebe? Wer ist der, den Deine Seele sucht? Wenn Du Dei­ner Sehnsucht traust und Deiner Liebe bis zum Ende folgst, so wirst Du – das will Dir Johannes in seinem Evan­gelium sagen – dem Auferstandenen begegnen, genauso wie Maria von Magdala. Du musst Dich nur wie Maria auf- machen mitten in der Dunkelheit Deines Herzens, um den zu suchen, den Deine Seele liebt.