Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 22.04.

Von | 22. April 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Mittwoch der 2. Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte 5, 17 – 26
Evangelium: Johannes 3, 16 – 21

Man kann die Aussagen der Jünger über das Geschehen Jesu auch als Bild für unsere eigene innere Wirklichkeit verstehen. Dann würden die Worte der Jünger in unse­rem Munde wohl so lauten: „Wir hatten gehofft, dass un­ser Leben gelingt, dass wir mächtig sind in Wort und Tat, dass wir Erfolg haben, dass wir es zu etwas bringen. Aber dann ist uns alles durchkreuzt worden. Wir sind geschei­tert. Alles in uns ist zerbrochen. Alles ist hoffnungslos. Es hat alles keinen Zweck mehr.“

Jesus macht uns keine Vorwürfe, dass wir so denken. Er versucht, uns das Erleb­te von der Schrift her anders zu deuten. Der Schlüssel seiner neuen Sichtweise lautet: „Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelan­gen?“ (Lk 24,26) Übersetzt in unsere Situation würde die­ser Satz lauten: „Musste es nicht so mit Dir kommen, da­mit es gut wird mit Dir? Musstest Du nicht all das aushalten, damit Du frei wirst von den Illusionen, die Du Dir über Dein Leben gemacht hast, damit Du in das Bild hin­einwächst, das Gott sich von Dir gemacht hat?“

Wenn ich dieses Wort in meine Enttäuschungen hineinhalte, in mei­ne Verletzungen aus der Kindheit, in die Wunden aus mei­ner Internats- und Schulzeit, in die Missverständnisse im Kloster, in die Frustrationen bei der Arbeit, dann höre ich auf, darüber zu jammern. Ich kann meine Lebensgeschich­te mit neuen Augen sehen. Alles durfte so sein, alles war gut. Alles diente dazu, dass ich in das Bild hineinwuchs, das Gott sich von mir gemacht hat. Durch alle Erfahrungen meines Lebens hat Gott selbst mich geformt und mich so gebildet, wie er es von Anfang an wollte. Für mich ist der Satz Jesu ein Schlüsselsatz geworden, der mir hilft, mich auszusöhnen mit meiner Lebensgeschichte. Und ich gebe ihn öfter Menschen zur Meditation auf. Das hilft ihnen, ihr Leben mit neuen Augen zu sehen. Und auf ein­mal entdecken sie eine Sinnhaftigkeit mitten in der Sinn­losigkeit, Hoffnung mitten in der Enttäuschung, Vertrau­en mitten im Misstrauen.

Wie Jesus auf die Jünger eingeht, das wäre ein gutes Vor­bild für unsere Seelsorgsgespräche. Wir sollen die Men­schen erzählen lassen, was sie erlebt haben, worunter sie leiden, was sie enttäuscht hat. Wir sollen nicht beschwich­tigen, was sie erzählen, sondern es so stehen lassen, wie sie es uns berichten. Aber wir dürfen ihre Lebensgeschichte mit der Schrift konfrontieren und sie im Licht der Schrift deuten, so dass sie sie besser verstehen. Auch für uns wäre der Schlüsselsatz hilfreich, den Jesus seinen Jüngern mit­gibt. Frage Dich heute bei allem, was Du erlebst, ob Deine Sichtweise wirklich die einzig mögliche ist! Und halte in alle Gedanken, die Dir heute kommen, den Satz Jesu hin­ein: „Musste es nicht so mit Dir kommen, damit es gut wird mit Dir? Musstest Du nicht durch das Leiden hindurch, damit Du frei wirst von Deinen Illusionen? Musstest Du nicht an Dir selbst leiden, damit Du Dich auf den Weg der Verwandlung machst, damit Du in die Herrlichkeit kommst, die Gott Dir zugedacht hat? Kannst Du glauben, dass Gott Dich in allem geführt hat, dass er Dich in seiner Hand ge­tragen hat? Was will Gott Dir durch all das, was Du erlebt hast, sagen? Wohin will Gott Dich senden, wenn er Dich all das hat erleben lassen? Was ist auf dem Hintergrund Dei­ner Lebensgeschichte Deine persönliche Berufung, Deine Sendung?“