Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit – 18.04.

Von | 18. April 2020

Dechant Hardt stellt uns in seiner Serie „Meditationen zu den Eucharistiefeiern in der Osterzeit“ jeden Tag einen neun Impuls vor, angelehnt an die Schrifttexte des Tages und Betrachtungen des Benediktinermönchs Anselm Grün.

Samstag in der Osterwoche

Lesung: Apostelgeschichte 6, 1 7
Evangelium: Johannes 6, 16 – 21

Matthäus schildert die Auferstehung als gewaltiges Erd­beben (Mt 28,2).

In der Auferstehung Jesu kommt etwas in Bewegung. Da werden die Grundfesten unseres Lebens durcheinandergeschüttelt. Lukas erzählt in der Apostel­geschichte, wie sich Auferstehung als Erdbeben auch in unserem Leben ereignen kann.

Da werden Paulus und Silas in das innere Gefängnis geworfen, und ihre Eüße werden in den Block gelegt. „Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu. Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit ei­nem Schlag sprangen die Türen auf, und allen fielen die fesseln ab.“ (Apg 16,26)

Das ist ein schönes Bild für die Erfahrung der Auferstehung auch in unserem Leben. Oft genug fühlen wir uns im Gefängnis, im Gefängnis unserer Angst, unserer Einsamkeit, unserer Depression. Manchmal bilden auch die Muster aus unserer Lebensgeschichte ein Gefängnis, aus dem wir nicht ausbrechen können.

Wir sind gefangen in unserem Perfektionismus, in unserem Zwang, die Schuld immer bei uns suchen zu müssen, in unserem Narzismus, in unserem neurotischen Kreisen um unser gutes Image nach außen. Wenn wir mitten aus un­serem Gefängnis heraus Gott loben, im Vertrauen, dass wir mit all unseren Fesseln in Gottes guter Hand sind, dann kann es sein, dass auch in uns die Erde zu beben beginnt. Dann wanken die Mauern, die uns das Leben verstellen. Dann tun sich Türen auf. Wir kommen in Be­rührung mit uns selbst. Wir leben nicht mehr außerhalb von uns, sondern bekommen Zutritt zu unserem Herzen.

Und die Türen zu den Menschen um uns herum öffnen sich. Auf einmal können Menschen bei uns eintreten und wir haben Zugang zu ihnen. Begegnungen werden mög­lich. Und die Fesseln fallen ab, die Fesseln unserer Angst, unserer Hemmungen und Lähmungen. Wir fühlen uns frei.

Von dem gewaltigen Erdbeben wird der Gefängniswärter wach. Als er die Türen des Gefängnisses offen sieht, zieht er sein Schwert, um sich zu töten. Doch Paulus beruhigt ihn, er solle sich nichts antun, da noch alle Gefangenen da seien. Da fällt ihnen der Gefängniswärter zitternd zu Füßen und fragt sie: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden? Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ (Apg 16,30f)

Wenn wir den Gefängniswärter als ein inneres Bild verstehen, dann steht er für die alten Muster, für unseren Perfektionismus, für unseren Ehrgeiz, für unser Misstrauen, für unser Sicherheitsstreben.

Man­che reagieren auf die Befreiung von ihren Fesseln eupho­risch. Sie meinen, jetzt sei alles anders. Jetzt könnten sie alle hemmenden Lebensmuster über Bord werfen. Jetzt seien sie ganz und gar frei, ihre Vergangenheit habe kei­ne Macht mehr über sie.

Doch dann würden sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Wir sollen und können die Muster nicht einfach töten. Sie würden uns sonst fehlen. Wir müssen mit ihnen in Kontakt kommen. Wenn wir ih­nen aus dem Glauben an Christus heraus begegnen, ha­ben sie keine Macht mehr über uns. Dann werden sie uns wie der Gefängniswärter zu Diensten sein. Dieser nimmt Paulus und Silas bei sich auf, wäscht ihre Striemen und lässt sich taufen. „Dann führte er sie in seine Wohnung hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.“ (Apg 16,34)

Wir können die Erfahrungen unserer Lebensgeschichte nicht einfach beiseite las­sen. Wenn wir uns mit ihnen aussöhnen, werden sie un­sere Wunden heilen und uns nähren. Es entsteht ein Mahl der Freude und alles kommt in uns zum Leben. Dann sind die Muster nicht mehr in der Rolle des Gefängniswärters, sondern des getauften Bruders. Sie sind verwandelt wor­den. Unser Ehrgeiz hält uns nicht mehr gefangen, son­dern er wird zu einer Quelle des Lebens. Unser Perfektio­nismus wird befreit von seiner Zwanghaftigkeit. Er dient dem achtsamen Umgang mit den Dingen.

Lukas übersetzt die Auferstehung Jesu in der Apostelge­schichte in die konkreten Situationen hinein, in die die Jünger Jesu geraten. Er will auch Dir einen Weg aufzei­gen, wie Du aus Deinem inneren Gefängnis ausbrechen kannst.

Dieser Weg ist das Gebet, das Lob Gottes mitten in der Nacht Deines Lebens.

Du kannst es heute einmal versuchen, absichtslos Gott zu loben. Vielleicht darfst Du dann auch erfahren, dass die Mauern Deines Gefäng­nisses zerbersten, dass Deine Fesseln abfallen und sich Türen zu den Menschen öffnen.

Wenn Du nichts von Gott willst, sondern ihn lobst, weil er Gott ist, bekommst Du eine innere Ahnung von Freiheit mitten im Gefängnis Deiner Nacht, von Auferstehung in Deinen Zwängen, von Vertrauen in Deinen Ängsten.