Brief zum Meditationsabend

Von | 2. April 2020

Sehr geehrte Teilnehmerinnen des alljährlichen Meditationsabends in Merxheim,

mein Name ist Rolf-Dieter Häger und ich bin derzeit Praktikant bei Ihrer Gemeindereferentin Frau Mikolajewski in der Pfarreiengemeinschaft Bad Sobernheim. Im Rahmen dieses Praktikums, das von 1. Februar bis Ostern geht, wäre es meine Aufgabe gewesen den diesjährigen Meditationsabend in Merxheim planen und durchführen zu dürfen. Wegen der Corona-Krise und des damit verbundenen Gebotes im Interesse der Gesundheit aller Mitmenschen Versammlungen zu unterlassen, möchte ich mich, anstelle unseres Treffens, mit diesem Brief an Sie wenden:  

Gib Frieden! Dieser Aufruf prägt die diesjährige Fastenaktion von Misereor.

Der seit nunmehr acht Jahren andauernde Krieg in Syrien hat mittlerweile bis zu 500.000 Menschen das Leben gekostet; die meisten sind zivile Opfer, insbesondere Frauen und Kinder. Auf der Suche nach Sicherheit und Zuflucht haben 6,2 der insgesamt 18,5 Millionen Syrerinnen und Syrer ihr Land verlassen. Einige syrische Flüchtlinge sind auch nach Deutschland gekommen, oftmals mit nicht mehr als der Kleidung, die sie auf dem Leib hatten. In ihrer Heimat sind ihre Häuser und Städte zerbombt worden.

Der Aufruf der deutschen Bischöfe zur Misereor-Fastenkation 2020 beginnt mit den Worten:

„In Deutschland leben wir seit 75 Jahren im Frieden. Gott sei Dank!
Doch Frieden hat keinen unbegrenzten Garantieanspruch.
Wir müssen ihn immer wieder erstreben, neu erringen und mit Leben füllen.
Dies gilt in Europa wie in der Welt.“

Aufgrund der traurigen Geschichte unseres Landes, die uns zweimal in einen sinnlosen und menschenverachtenden Weltkrieg gestürzt hat, wird mir oft sehr schnell klar, dass einige Politiker aus einem bestimmten Block ganz bewusst Vorurteile über Flüchtlinge und Migranten streuen, damit wir uns ohne viel nach-zudenken, ja fast schon blind, über bestimme Menschengruppen eine ungerechtfertigte, bereits vorgefertigte Meinung bilden:

Es wird viel geredet. Wir reden oftmals über, aber reden selten mit Menschen, die uns fremd sind. Wir stellen über diese Menschen Spekulationen an. Aber wir fragen selten nach, denn wir sind uns sicher, dass wir alles wissen, was wir wissen sollten.

Im Matthäus-Evangelium steht geschrieben:

Richtet nicht, damit Gott euch nicht dafür richtet; denn an dem Urteil, das ihr fällt, wird Gott das Urteil ausrichten, und mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird Gott euch messen.

Warum siehst du den Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Oder wie kannst du zu deinem Mitmenschen sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge ziehen, und dabei steckt der Balken in deinem Auge?

Welche Scheinheiligkeit! Zieh zuerst aus deinem Auge den Balken, dann siehst du klar und kannst den Splitter aus dem Auge deines Mitmenschen ziehen.

Die Bibelstelle führt uns zum Kern der zuvor angesprochenen Problematik:

Der Weg vom Urteilen zum Verurteilen ist kurz. Verurteilen nimmt stets einen anderen Menschen kritisch in den Blick und führt so gut wie immer zur kategorischen Ablehnung. Wenn wir verurteilen, legen wir fest und nehmen dem Anderen damit jedwede Chance uns einen Perspektivwechsel zu schenken.

Jesus fordert uns auf umzudenken: Bei Gott ist immer ein Neuanfang, denn seine Liebe kennt keine Grenzen. Jesus zeigt uns den Weg der Einsicht anstelle des Richtens und des Verurteilens. Mit sich selbst ins Gericht zu gehen; den eigenen Schatten zu überspringen, der gefüllt ist mit Vorurteilen, Unbehagen und Trägheit, ist schwer und wir wollen es auch meistens nicht tun. „Was geht mich dieser Mensch an“, ist ein schnelles und bequemes Standardargument. Eine konfliktfreie und altbewährte Mauer, die wir allerdings nicht nur vor fremden Menschen, sondern damit auch Gott aufbauen.

Später wird Jesus im Matthäus-Evangelium (vgl. Mt 22,34-40) nach den wichtigsten Geboten gefragt und er antwortet mit der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Für ihn sind die beiden Gebote untrennbar verbunden: Wer Gott liebt, kann es nicht ablehnen den Nächsten zu lieben und wer den Nächsten liebt, der liebt auch Gott.

Wie wir alle wissen, geht es bei Nächstenliebe um mehr als die Liebe zum Partner und zu den Kindern: Indem Jesus auf Kranke, Aussätzige, Geächtete und Ausgegrenzte zugegangen ist, hat er uns gezeigt was Nächstenliebe bedeutet. Von der Gesellschaft längst abgeschrieben fühlten sie sich verachtet und ausgegrenzt. Doch Jesus ging hin und schenkte diesen Menschen seine Zuneigung. Er zeigt ihnen sein Interesse und forderte vor allem seine Jünger dazu auf über den Schatten ihrer Vorurteile zu springen.


Wollen wir jetzt in einem stillen Moment, über folgende Fragen nachdenken:

Was bedeutet es für mich Christ zu sein?

Bin ich dazu bereit Urteile und offensichtliche Vorurteile in Zukunft zu hinterfragen?

Jesus sagt: Seid barmherzig, richtet nicht, verurteilt nicht, vergebt einander.

Bitten wir um seinen Beistand.

Herr, lass uns „barmherzig“ sein,

dass wir die Fehler der anderen nicht auf die Goldwaage legen und

dass wir nicht so schnell ein Urteil über Alles und Jeden parat haben.

Herr, lass uns aufhören zu „richten“,

dass wir nicht immer schon wissen, was richtig oder falsch ist und

dass wir unsere Vorurteile und fixen Meinungen ablegen können.

Herr, lass uns nicht verurteilen,

dass wir alte Fehler nicht aufrechnen und

dass wir niemand abstempeln und als unverbesserlich abschreiben.

Herr, lass uns einander vergeben,

dass wir aus einer Mücke keinen Elefanten machen,

wenn uns etwas kränkt und dass wir einen Schlussstrich ziehen

und verzeihen können, was uns weh getan hat.

Herr, lass uns mit uns selbst barmherzig sein,

dass wir uns nicht mehr abfordern als uns gut tut und

dass wir uns nicht schuldig fühlen.

Dass wir uns auch selbst vergeben können,

wenn wir die eigenen Anforderungen nicht erfüllt haben.

Mach uns großzügig Gott, bewahre uns vor Ausgrenzung und Ignoranz.

Mach uns bewusst, dass auch wir jeden Tag auf das Verzeihen Anderer

– und auf deine Vergebung –

angewiesen sind.

Darum bitten wir durch Jesus unseren Herrn und Bruder.

Amen.


Abschließend wünsche ich Ihnen Gottes Segen und bleiben Sie gesund.

Mit besten Grüßen

Ihr Rolf-Dieter Häger
Gemeindereferent im Praktikum