Mit großen Theologen Ostern entgegen – 30.03.

Von | 30. März 2020

Dechant Hardt stellt uns auf dem Weg auf Ostern zu jeden Tag einen Impuls eines großen Theologen vor.

Montag der fünften Fastenwoche

Bernardin Schellenberger

Jesus hat geschwiegen. Sein Schweigen war dergestalt, dass es ihr (der Ehebrecherin) unendlich viel gesagt hat. Er hat ihr die Erfahrung seiner Nähe geschenkt. Die Erfahrung, dass sie von ihm angenom men sei. Die Erfahrung einer Liebe, die nicht Gewalt antut, die nicht befleckt, die nicht anklagt, die nicht bedroht, son dern die bedingungslos Ja sagt und alles erträgt, alles glaubt, alles hofft, allem standhält. Die niemals aufhört, mag man ihr antun, was man will. Die Erfahrung einer Liebe, die unter den Trümmern aller Zusammenbrüche und Erschütterungen je nen guten Kern, jene Würde und jenen unzerstörbaren Keim wahren Lebens zu spüren und zu wecken vermag. Kurz: Jesus hat dieser Frau die Erfahrung der mitleidenden Liebe und Nähe Gottes geschenkt, die in ihm in die Welt ge kommen ist. Diese zarte, geduldige Liebe vermag mehr als alle Gewalt die Panzer und Betonbunker der Sünde und Herzens härte zu sprengen. Wir lesen in der Heiligen Schrift, keiner komme in einer Unschuld zur Welt, die es zu bewahren gelte, oder – wie die Mythen ahnen lassen wollen – diese Unschuld sei in der Ver gangenheit zu suchen oder sie sei zu beweinen als ewig verlore nes Gut. Nein: die Unschuld ist unser Ziel, unsere Zukunft, unsere Verheißung, von der niemand von vornherein ausge schlossen ist, weil wir alle, ausnahmslos alle, Sünder, Gefallene sind. Einzig der Jungfrau Maria ist in einem einzigartigen Pri vileg von Anfang an die Reinheit als Gnade der Vollendung geschenkt worden. Und sie ist ihr geschenkt worden als Ver heißung für uns alle. Wir alle werden ein „neuer Himmel und eine neue Erde“ – eine terra immaculata, ein jungfräuliches Land -, und „was früher war, ist vergangen; er, der auf dem Thron sitzt, spricht: Ich mache alles neu“.

(Bernardin Schellenberger, geb. 1944, ehem. Priester, Schriftsteller)