Mit großen Theologen Ostern entgegen – 28.03.

Von | 28. März 2020

Dechant Hardt stellt uns auf dem Weg auf Ostern zu jeden Tag einen Impuls eines großen Theologen vor.

Samstag der vierten Fastenwoche

Norbert Lohfink: Flucht zu Gott

Wie flüchtet man zu Gott? Wir nennen den Vorgang Gebet. Im Gebet geschehen verschiedene Dinge. Wir flüchten zu Gott, aber darüber hinaus kann es geschehen, dass die Flucht an ein Ende kommt. Es kann sein, dass Geborgenheit, Ruhe, Aufatmen, selbst neues Lachen wieder möglich werden.

Aber geht das denn, dass der Mensch aus eigenem sich in Gott hinein birgt? Der Mensch kann doch höchstens bitten und rufen, dass Gott ihn birgt. Dass der Mensch sich zu Gott flüchtet, ist eine Geste. Ob sie gelingt, ob sie angenommen wird, liegt nicht mehr an ihm. So wird aus der Fluchtbewe­gung, mit der das Gebet einsetzt, sehr schnell etwas Neues: Die Bitte um Rettung.

Der Flüchtende bittet, dass Gott ihn berge.

In dem Augenblick, wo die Bitten sich verdichten, verwan­delt sich das Bitten in Sicherheit.

Gott wird mich führen und leiten. Gott also mein Begleiter. Gott löst mich aus jedem Netz, das man mir ausgelegt hat.

Wer sich zu Gott flüchtet und wen Gott aufnimmt, der op­fert schon seine Autonomie. Aber dies ist kein Verlust. Eigen­tum Gottes zu sein bedeutet gerade die Sicherheit, von ihm geleitet zu werden, von ihm befreit zu werden, bei ihm in siche­rer Burg zu sein. Aus der wiedergeschenkten Sicherheit ergibt sich eine neue Bewegung des Gebets. Der betende Mensch ist jetzt in den Stand gesetzt, jede Anspannung und Verkramp­fung zu lockern. Er lässt sich los und gibt sich Gott in die Hand.

Es liegt nicht in unserer Macht, dass das innere Geschehen des 31. Psalmes auch in unserem Gebet Wirklichkeit werde. Gebet ist Gabe und Gnade. Aber wir lernen an diesem Gebet eines Menschen aus dem Alten Testament, was beim Beten auch in uns geschehen könnte. Vielleicht wartet das alles schon lange auf uns. An uns ist es nur, anzufangen.

(Norbert Lohfink, geb. 1928, Jesuit, Prof. für Altes Testament, Frankfurt )

GEBET (aus Psalm 31)

Herr, ich suche Zuflucht bei dir, lass mich doch niemals scheitern, rette mich in deiner Gerechtigkeit.

Wende dein Ohr zu mir, erlöse mich bald!

Sei mir ein schützender Fels, eine feste Burg, die mich rettet.

Denn du bist mein Fels und meine Burg; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.

Du wirst mich befreien aus dem Netz, das sie mir heimlich legten, denn du bist meine Zuflucht.

In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, Herr, du treuer Gott.